DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (95)
 M e r c y d o r f

Das Heidedorf Mercydorf (heute: Carani; ung.: Merczyfalva, oder Karán), liegt etwa 25 km nördlich von Temeschburg und wird von der Kreisstraße Sankt-Andres - Perjamosch durchquert. Verkehrsmäßig ist diese Ortschaft sehr begünstigt, da sowohl die erwähnte Kreisstraße, als auch die etwa 4 km lange Straße, die Mercydorf mit der Europa-Straße E-671 (DN 69) verbindet, asphaltiert sind. Dazu hat das gewesene Schwabendorf auch eine Bahnverbindung, da sie auf der Strecke Temeschburg - Arad liegt. Der Bahnhof ist vor einigen Jahren von Carani auf „Baile Calacea" umbenannt worden, das ist ein Heilbad in der Nähe Mercydorfs. Verwaltungsmäßig ist Mercydorf ein Dorf, das heute zur Gemeinde Sankt-Andres gehört. Bis zu Ceausescus territorial-administrativen Umstrukturierung des Landes im Jahre 1968 war die Ortschaft Gemeindesitz. Benannt wurde das Dorf nach dem ersten Präsidenten der Banater Landesadministration, Graf Claudius Florimund Mercy.

Mercydorf ist um 1733-34 gegründet worden und war somit eines der ersten Kolonistendörfern des Banats (nach Neu-Arad, Freidorf, Guttenbrunn und Neu-Beschenowa). Die ersten Siedler waren Italiener, die hier angesiedelt wurden, um die Seidenraupenzucht im Banat einzuführen. Sie kamen mit ihrem Priester Clemens Rossi, der nicht nur der erste Pfarrer der 1734 gegründeten Pfarrei war, sondern der auch die Kinder der Siedlung in italienischer Sprache unterrichtete, hauptsächlich in Religion, wie dies damals üblich war. Laut Dr. Erich Lammert ließen sich 1752 und 1770 auch Franzosen in Mercydorf nieder, was im Dorf und in der Kirche zu Sprachschwierigkeiten führte. Nachdem 1763 das Dorf mit ausgedienten Soldaten und Deutschen aus Lothringen erweitert wurde, mußte man in der Kirche dreisprachig predigen, wodurch auch Schwierigkeiten bei der Pfarrern entstanden. Mit der Zeit behauptete sich in der Sprache der gemischten Bevölkerung das deutsche Element, und so verwandelte sich die italienisch-französische Siedlung in ein Schwabendorf. Dies geschah hauptsächlich um die Jahrhundertwende (18./19. Jh.), als in der Dorfschule die ersten deutschen Schulmeister mit pädagogischer Qualifikation verpflichtet wurden.

Nach Margot Limmer bestand die Bevölkerung Mercydorfs 1734 aus 137 Personen. 1769 stieg ihre Zahl auf 869, und ein Jahr später erreichte sie sogar den Stand von 1.288 Seelen, um 1771 wieder auf 812 zu sinken. Nach Dr. Lammert gab es hier 1778 bei 191 Häusern 114 Schulkinder und 1880 bei 2.064 Einwohnern sogar 320 Schüler. 1910 lebten im Schwabendorf 1.304 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von über 87 Prozent stellten. Interessant ist festzustellen, daß 1940 dieselbe Zahl von deutschen Volkszugehörigen registriert wurden. Bis zur Volkszählung von 1977 sank de Anteil der Deutschen auf etwa 35 Prozent; von den 1.991 Einwohnern des Dorfes waren nur noch 690 Personen Deutsche. Bis zur Volkszählung vom Januar 1992 ist nicht nur die Zahl der Deutschen wieder gesunken, sondern auch die gesamte Bevölkerungszahl. Von den 1.695 Einwohnern bekannten sich noch 134 Personen zum Deutschtum, der Rest bestand aus 1.425 Rumänen, 68 Ungarn und 68 Sonstigen. Nach Angaben der Heimatortsgemeinschaft Mercydorf waren im Februar 1996 im Heimatdorf nur noch 52 Deutsche verblieben.

Über die Menschen aus dem heutigen Mercydorf berichteten in den letzten zwei Jahren sowohl die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ) als auch die zwei rumänischen Blätter „Realitatea banateana" (Banater Realität) und „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt). Die ADZ berichtete über einige der im Heimatort verbliebenen Deutschen. Einer von ihnen war der Vizebürgermeister der Gemeinde Sankt-Andres, Josef Hassil. Der Mercydorfer Bäcker kandidierte auf der Liste der Rumänischen Ökologischen Bewegung, und seine meist rumänischen Mitbürger schenkten ihm das Vertrauen. In diesem Amt versuchte er dann für sein Heimatdorf das Beste zu leisten. Vor allem nahm er sich vor, Mercydorf an das Erdgasnetz anzuschließen, und danach sollte das Kulturheim renoviert und mit einer Direktorstelle ausgestattet werden. Mit der Zahl der im Dorf vorhandenen Arbeitsplätze war der Vize auch zufrieden. Einige wurden von der staatlichen Mischfutterfabrik, vom Erdölförderungsbetrieb und von der Bäckerei gesichert und andere vom privaten Wirtschaftssektor. Zu diesen gehörten eine Milchsammelstelle, eine Autowerkstatt, eine neue Mühle, ein Friseursalon, mehrere Gaststätten und Boutiquen. Den am Dorfrand gelegenen Teich sanierte der Vize selbst und richtete hier einen Fischteich ein, der ihm dann sein regelmäßiges Einkommen sicherte.

Ein andermal berichtete die ADZ über den noch rüstigen Josef Minich, der Ende 1996 als 63-jähriger mit seiner Frau seinen Bauernhof bewirtschaftete. Sein Hinterhof war damals voll mit Geflügel und seine Ställe voll mit Vieh. Jährlich erntete er reiche Erträge an Gemüse, Zuckerrüben und Mais. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er 38 Jahre lang als Automechaniker bei der Temeschburger Eisenbahndirektion. Seine zwei Söhne wohnen auch in Mercydorf, Andreas ist Mathematik- und Physiklehrer und Josef ist Inhaber eines Lebensmittelladens. Die Frage, ob auch er nach Deutschland ausreisen möchte, beantwortete er mit der Gegenfrage: „Sollen wir alles stehen- und liegenlassen, einen neuen Anfang in einem fremden Land suchen?" Daß aber in Mercydorf das Leben nicht mehr so verlaufen kann, wie es vor einigen Jahren noch der Fall war, beweist schon die Tatsache, daß nicht einmal das Allerheiligste vor Einbrechern und Räubern heilig genug ist. Dies hat der Einbruch in die katholische Kirche, der im Februar 1997 verübt wurde, reichlich belegt.

Die erwähnten rumänischen Zeitungen berichteten in den letzten zwei Jahren hauptsächlich über die Neubürger des heutigen „Carani". In einer der Reportagen ist berichtet worden, wie Lidia Vadim 1945 aus Bessarabien vor den Russen in Richtung Mercydorf geflohen ist, weil sie gehört hatte, daß hier die Häuser der nach Sibirien deportierten Deutschen leer stünden. Sie zog damals in das deutsche Haus mit der Nummer 422 ein und wohnte auch 50 Jahre danach darin.

Andere Neubürger hatten weniger Glück, wie zum Beispiel die Familie Muraru, die vor einigen Jahren aus der Moldau hierher kam, um ihr Brot beim Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb (SLB = IAS) zu verdienen. Die Moldauer besetzten willkürlich eine Wohnung des Hauses mit der Nummer 290, das der SLB gehörte, bis sie eines Tages nach ihrer Rückkehr von einem Besuch in der Moldau ihr ganzes Hab und Gut vor der Wohnungstür fanden. Seitdem lebt die Familie mit zwei Kindern im Alter von 3 und 9 Jahren in einer Ecke des Hausflurs, sie haben aber zugleich einen Mietvertrag für eine Wohnung in der Tasche, die von anderen Neubürgern mutwillig besetzt wurde.

Es gibt aber auch Neubürger, denen es sehr gut geht im einstigen Schwabendorf. Zu diesen gehört auch der im Haus mit der Nummer 126 wohnende „Unternehmer" Petre Zaharia. Anfang 1996 lebte er laut in den Tageszeitungen veröffentlichten Anzeigen vom Wahrsagen und von Arbeitsvermittlungen in Österreich und Deutschland. Man unterschrieb bei ihm aber keine Arbeitsverträge, bei ihm mußte man nur 500 DM bezahlen, damit man eine Einladung für Österreich oder Deutschland bekommt. Die Bewerber mußten dann mit einer Firmenadresse in der Tasche auf eigene Kosten in Richtung „El Dorado" fahren, wo sie auf Baustellen nach einer bestimmten Probezeit eine Schwarzarbeit kriegen konnten oder eben nicht. Für die Frauen hatte er Arbeit nur für Deutschland zu vermitteln, aber ausschließlich für ein „bestimmtes Gewerbe". Es scheint, daß der Mercydorfer „Unternehmer" seitens der rumänischen Behörden nichts zu fürchten hatte, da seine Anzeigen unverschlüsselt und mit der Angabe seiner vollständigen Adresse veröffentlicht wurden.

Schließlich wurde 1996 sowohl in der „Realitatea banateana" als auch in der ADZ über die Sorgenkinder der Gemeinde Knees berichtet. 1993 hatte die Ordensschwester Georgis von den „Armen Dienstmägden" aus Dernbach (Nordrhein-Westfalen) im Gebäude der katholischen Pfarrei aus Mercydorf das Haus „Heilige Maria" eingerichtet, das als Tagesstätte für die behinderten Kinder aus der ganzen Gemeinde Knees dienen sollte. Die acht Kinder, davon fünf schwerbehinderte, sind Ende 1996 von der Verwalterin und Erzieherin Margareta Sabau, von der Heilpädagogin Simona Cristian, von Codruta Buzdugan und von Mircea Sabau betreut worden. Letzter erfüllte hier die verschiedensten Funktionen; er war Buchhalter, Koch, Autofahrer, Holzschneider und Gebäudereiniger. Er war auch derjenige, der morgens die Kinder mit dem Auto von ihrem Wohnsitz in der gesamten Gemeinde in das „Heilige Maria"-Haus brachte, wo die Behinderten versorgt und betreut wurden. Die Verpflegung bestand damals nur aus zwei Mahlzeiten, da für mehrere das Geld fehlte. Wegen finanzieller Schwierigkeiten mußte das Haus, das als Stiftung gegründet wurde, 1995 vom Caritas-Verband der römisch katholischen Diözese übernommen werden. Da der rumänische Staat absolut nichts zum Erhalt dieser Pflegestätte für rumänische Kinder beigetragen hatte, war und ist das „Heilige Maria"-Haus ausschließlich auf Hilfen aus Deutschland angewiesen, aber auch diese werden immer spärlicher und seltener. Von rumänischer Seite leistet nur der orthodoxe Pfarrer, Sorin Ghilezan, seinen Beitrag, indem er die behinderten Kinder seelsorgerisch betreut.

Oktober 1998                                                                                                            Anton Zollner