DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (3)

T r i e b s w e t t e r

Triebswetter (heute: Tomnatic) ist trotz seiner hohen Einwohnerzahl ein Dorf, das der Gemeinde Lowrin angehört, und darum erscheint es in der Statistik seltener. Der Ort aber gehört zu den ältesten des Banats, er wurde schon 1020-1030 in Verbindung mit dem Leben des ersten Bischofs von Tschanad, des Hl. Gerhard erwähnt. Auch die Geschichte Rumäniens erwähnt Triebswetter als den Ort, wo der walachische Wojwode Achtum im Kampf gegen den ungarischen König gefallen sein soll.

Zur Jahrhundertwende umfasste die Einwohnerzahl Triebswetters 3.760 Seelen. 1940 lebten hier nur noch 2.835 Deutsche, 101 Zigeuner, 37 Ungarn, 34 Rumänen und 21 Menschen anderer unterschiedlicher Nationalität. Bei der Volkszählung, die 1972 durchgeführt wurde, zählte man wieder 3.923 Einwohner, weshalb es unverständlich erscheint, warum Triebswetter nicht Gemeindesitz geblieben ist, was es bis 1967 schon immer war. Über die Zahl der Deutschen wurde nichts berichtet. Im März 1990 zählte man hier 143 „Neue Banater Zeitung“ (NBZ)-Abonnenten, somit war Triebswetter an 8. Stelle im Kreis Temesch bei der Zahl der NBZ-Abonnenten. Laut NBZ-Journalistin Grete Lambert sollen hier im September 1991 noch 560 Deutsche gelebt haben, davon 70 bis 80 in Mischehen. Es scheint, dass trotz massiver  Auswanderungen, hier noch immer eine der wenigen kleinen deutschen Dorfgemeinschaften verblieben ist. 1986 sollen hier noch vier Lehrerinnen an der deutschen Abteilung der Grundschule tätig gewesen sein, aber fünf Jahre später reichte die Zahl der Kinder nicht einmal mehr für einen Simultanunterricht der vier Grundschulklassen. Die wenigen deutschen Kinder werden mit dem Kleinbus des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat täglich nach Groß-Sankt-Nikolaus in die Schule gefahren.

In Triebswetter konnte auf Initiative des betagten Nikolaus Wiewe ein Ortsforum der Banater Deutschen gegründet werden, das sich noch viele Ziele gesetzt hat. Die Leute erinnern sich noch, dass es hier 1945 neun Metzgereien und 800 ha Weingärten gegeben hat. 1991 hatte Nikolaus Wiewe mit 1.400 Rebstöcken den größten Weingarten im Dorf. Nun hatte sich vor gut einem Jahr das Ortsforum bemüht, Probleme des Gemeinschaftswesens selbst in die Hand zu nehmen. Dazu gehörte die Errichtung einer Bäckerei im gewesenen Feuerwehrschuppen, da dafür kein Haus der 900, die den ausgewanderten Deutschen gehörten, zur Verfügung gestellt wurde. Es wurde damals auch die Errichtung eines Forumshauses beschlossen, das über einen Festsaal, eine Kegelbahn, eine Konditorei, eine Küche, eine Audio-Videothek und eine Bibliothek verfügen soll. Die NBZ-Journalistin machte im September 1991 dazu folgende Bemerkung: „Die Arbeiten gehen langsam voran, sie stocken immer wieder, auch an der Bäckerei ... . Da weht noch kein neuer Wind ...“.

Dass es auch mit der Wirtschaft nicht so richtig läuft, kann man aus einem Bericht erfahren, der Ende Oktober 1992 in der rumänischen Zeitung „Agenda“ in Temeschburg erschienen ist. Virgil Gradinaru schreibt in seiner Einleitung: „Triebswetter, einst eine der Spitzengemeinden des Landes, kämpft heute mit vielen Schwierigkeiten“. Ansonsten hatte er auch kaum etwas zu berichten. Die Landwirtschaftsgesellschaft „Voss“ verfüge über landwirtschaftliche Geräte und hat die 510 ha Ackerboden, die von den Bewohnern Triebswetters und den der angrenzenden Ortschaften gepachtet, und auf denen jetzt Weizen und Gerste angebaut werde. Die Familiengenossenschaft „Gurban“ betreibe drei Werkstätte für Eisendreherei, Metallbauten und Auto-Service. Und abschließend wird noch die Eröffnung des Lebensmittelladens „Pami Tom“ bekannt gegeben.

Was könnte man noch kommentieren? Die überwiegend betagten in Triebswetter verbliebenen Banater Schwaben haben keinen heißeren Wunsch, als das schon so lange ersehnte und aus Deutschland versprochene ... „Essen auf Rädern“ zu bekommen. Ist das vielleicht die einfallsreiche Lösung der Bundesregierung und ihrer „Ja-und-Amen“-Sager für den „Erhalt des Deutschtums im Osten“ mit dem einzigen Ziel, die Volksdeutschen so weit wie möglich vom Mutterland zu halten?

April 1993                                                                                                                     Anton Zollner
 
 

„Wander-Kirchweih"

Es scheint nun als würde jetzt im Banat noch immer wie in alten Zeiten an jedem Wochenende in einem gewesenen banat-schwäbischen Dorf eine Kirchweih gefeiert werden. Laut einer Reportage aus der „Banater Zeitung" (Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" - ADZ) vom 24. August 1994 war nun Triebswetter an der Reihe. Bei einer genaueren Betrachtung der Reportage kann man aber feststellen, dass die Kirchweihpaare in allen Ortschaften immer dieselben sind. So wandern also verschiedene Trachtengruppen von Ort zu Ort und bieten nach Bedarf eine „Schau-Kirchweih" dar. Den Marsch bläst auch immer dieselbe einzige banater Blaskapelle aus Rekasch.

Triebswetter (heute: Tomnatic; ung.: Nagyösz) ist zur Zeit die ländliche Ortschaft des Banats, in der die größte deutsche Gemeinschaft verblieben ist. Bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 bekannten sich hier 383 Personen zum Deutschtum. Wie viel Deutsche heute in Triebswetter in Wirklichkeit leben, ist von nirgendwo zu entnehmen. 1930 lebten 2.748 Deutsche im Ort und stellten einen Bevölkerungsanteil von über 83 Prozent. Bis zur Volkszählung von 1977 sank ihre Zahl auf 1.454, das waren dann noch 40 Prozent der Dorfbewohner. Soll man den Angaben der letzten Volkszählung Glauben schenken, so hätten sie noch immer an den 2.927 Einwohnern einen Anteil von 13 Prozent.

Nun, wenn das so ist, will man trotzdem noch zeigen, dass „wir noch da sind". Darum trommelte man 64 (!!!) Trachtenpaare zusammen: 13 aus Busiasch, 9 aus Bakowa, 5 aus der Mehala, 12 aus Groß-Sankt-Nikolaus, 16 von der allgegenwärtigen „Banater Rosmarein"-Tanzgruppe und „9 Paare erschienen in Triebswetterer Tracht" (was aber nicht unbedingt bedeutet, dass diese Trachtenträger auch Triebswetterer waren). Wäre es da nicht vernünftiger gewesen, hier mit den 9 Paaren eine echte, stolze und vor allem eine eigene Kirchweih der Rest-Triebswetterer zu feiern, anstatt eine werbewirksame Mammutveranstaltung vorzutäuschen? Dieses Wandern von Ort zu Ort mit dem Ziel eine noch lebensfähige banat-schwäbische Dorfgemeinschaft vorzugaukeln, wird schließlich zur Selbsttäuschung!

Der eigentliche Lob für die Veranstaltung einer Triebswetterer „Kirbei" gebührt nur den ortsansässigen Familien von Heinz Vogel, dem Vorsitzenden des Landwirtschaftsvereins „VOSS", Nikolaus Schneider, dem Vorsitzenden des Ortsforums der Deutschen und Heinz Roth. Was aber die Kirchweihen auf „Anweisung von oben" (= indicatiili de sus) betrifft, scheinen die immer mehr nach Veranstaltungen á la „Cântarea României" zu riechen. Die Geldherrenpaare trugen auch hier mit einer Ausnahme, keinen deutschen Namen: Ramona Mladin mit Eugen Minca? und Karla Singer (ihr Vater Karl Singer ist der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat) mit Adi Lazea. Es war hier, anders als in anderen Orten, eine rege Teilnahme der im Heimatort verbliebenen deutschen Bevölkerung bemerkbar, meist waren das aber alte Leute, weil die Jugend hier fehlt.

Triebswetter, ein Ort mit dem größten Anteil an im Heimatdorf verbliebenen Deutschen, hätte in diesem Jahr ganz bestimmt seine eigene „Kirbei" auch ohne die durchs Banat ziehende „Wander-Kirchweih" würdig feiern können. Im nächsten Jahr könnte es leider schon zu spät sein.

6. Oktober 1994                                                                                                      Anton Zollner
 
 

Das Dorf mit den meisten Deutschen

Das einst zu den reichsten banat-schwäbischen Dörfern gehörende Triebswetter (heute: Tomnatic; ung.: Nagyösz) liegt auf der Banater Heide, etwa 10-12 km südlich vom Städtchen Groß-Sankt-Nikolaus entfernt. Das Dorf ist schon einige km vor dem Städtchen, links von der Landstraße DN6 Temeschburg – Groß-Sankt-Nikolaus zu sehen. Dorthin führt eine 1-2 km lange Zufahrtsstraße, die sich aber in einem schlechten Zustand befindet, da sie von Schlaglöchern übersät ist. Die Ortschaft ist über die Strecke Temeschburg – Lowrin – Groß-Sankt-Nikolaus auch an das Eisenbahnnetz angeschlossen.

Triebswetter ist zwar schon gleich nach der ersten Jahrtausendwende in der Legende des Hl. Gerhard erwähnt worden. Ebenfalls laut einer Legende soll hier der walachische Fürst Achtum, der gegen den ungarischen König rebellierte, im Kampf gegen den Heerführer Chanad gefallen sein. Die heutige Ortschaft ist 1772 durch den Impopulationsdirektor Johann Wilhelm Edler von Hildebrand an der Stelle eines Prädiums neu angelegt worden. Ihren Namen soll die Ortschaft laut Dr. Walter Wolf vom Ingenieur Anton von Triebswetter erhalten haben, der hier die Ausmessungen gemacht haben soll. Laut Karl Kraushaar bestand „Trübswetter“ anfangs aus 203 Kolonistenhäusern. 1773 ist die hiesige Pfarrei gegründet worden, und gleichzeitig hatte man auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt. Die deutsche Bevölkerung Triebswetters war zum Teil französischer Abstammung, was auch heute noch ihre Namen beweisen. Ihre Ahnen kamen als Franzosen aus Elsass-Lothringen, aber mit der Zeit ließen sie sich von der deutschen Bevölkerung assimilieren.

1910 stellten die 3.378 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 93 Prozent, der aber bis 1930 bei einem Stand von 2.748 Deutschen auf 83,4 Prozent sank. 1940 ließen sich hier 2.868 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Nach dem 2. Weltkrieg nahm die Zahl der Deutschen, wie auch ihr Anteil ständig ab. Bis 1977 sank ihre Zahl auf 1.454, aber gleichzeitig stieg die der Rumänen auf 1.673. Der Rest der Bevölkerung bestand aus 194 Ungarn, 169 Zigeunern und 95 Sonstigen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 2.927 Einwohnern des Dorfes nur noch 383 Personen zum Deutschtum. Gesunken ist auch die Zahl der Ungarn auf 165, aber gleichzeitig stieg die Zahl der Rumänen auf 1.985, die der Zigeuner auf 277 und die der Sonstigen auf 117. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Triebswetter lebten im Februar 1996 noch 368 Deutsche im Heimatort. Nach diesen Angaben soll Triebswetter die ländliche Ortschaft des Banats sein, in der nach dem Massenexodus die Deutschen noch am zahlreichsten vorzufinden sind. Eine andere Meinung vertrat im Juli 1995 der Arader Lehrer Daniel Schemmel, der damals in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ (ADZ) schrieb, dass im einstigen Schwabendorf damals nur noch „ungefähr 180 Deutsche“ verblieben wären, obwohl das Ortsforum der Deutschen mehr eingeschriebene Mitglieder hatte.

Triebswetter gehörte vor der kommunistischen Epoche, aber auch noch einige Jahre nach der Kollektivierung der Landwirtschaft, zu den reichsten deutschen Dörfern des Banats. Dazu trug auch der besonders ertragreiche Boden der gesamten Umgebung bei. Dieser Reichtum war besonders deutlich an der hohen Zahl der einstigen reichen Bauern zu erkennen, deren große Bauernhäuser und gut ausgestattete Grabsteine im Friedhof auch heute noch vom alten Wohlstand zeugen. Der Friedhof ist aber leider das einzige Zeugnis des einstigen Deutschtums, das hier noch gepflegt wird. Für seine Pflege hat die HOG einen Rumänen verpflichtet, der von den Spenden der in Deutschland lebenden Triebswetterer bezahlt wird. Im Jahre 1999 war sogar die Kirche in einem ziemlich baufälligen Zustand, nicht einmal die Turmuhr funktionierte mehr. Die heutige Kirche ist von 1846 bis 1850 errichtet worden, wobei ein Teil der Kosten vom damaligen Grundherrn Albert Gyulai übernommen wurden. Auch der damalige Bischof Alexander Bonaz, ein Sohn des Dorfes, spendete den Hoch- und zwei Nebenaltäre. Die letzte Renovierung der Kirche ist 1988 unternommen worden. Trotz der relativ hohen Zahl der im Dorf verbliebenen Deutschen gibt es hier keinen Seelsorger mehr. Die Gottesdienste werden seit längerer Zeit vom Lowriner Pfarrer zelebriert.

Nach den Dezemberereignissen von 1989 versuchten einige Deutsche auch in Triebswetter den Neuanfang, der aber nicht einmal nach über einem Jahrzehnt so richtig in Schwung gekommen ist. Als Mann der ersten Stunde versuchte es Dipl. Ing. Heinz Vogel, der den Landwirtschaftsverein „VOSS“ gründete. Im Sommer 1995 bewirtschaftete er etwa 1.000 Hektar Ackerland, die sich als Folge der Bodenrückerstattung im Privatbesitz der Vereinsmitglieder befanden. Für die Bestellung der Felder  hatte der Verein 10 Traktoren, Mähdrescher und andere Landwirtschaftsmaschinen zur Verfügung. Dank der Unterstützung aus Deutschland ging es dem Verein „VOSS“ wirtschaftlich ganz gut, so dass dieser bald auch gemeinnützige Tätigkeiten und kulturelle Veranstaltungen sponsern konnte. Er trug aber nicht nur zur Finanzierung der Triebswetterer Kirchweih bei, sondern auch derer aus der Umgebung, und deutscher Kulturveranstaltungen in Temeschburg. „VOSS“ brachte auf eigene Kosten auch das „Triebswetterer Monatsblatt“ heraus. Heinz Vogel stellte sogar sein eigenes Haus der Caritas-Sozialstation zur Verfügung.

Zu den vom Landwirtschaftsverein „VOSS“ gesponserten deutschen Veranstaltungen gehörte auch die „Kirbei“, wie hier die Kirchweih genannt wird, die am 16. und 17. August 1997 in Triebswetter stattgefunden hat. Veranstalter des damaligen Kirchweihfestes war das Ortsforum der Deutschen, und besonders dessen Vorsitzender Nikolaus Schneider und seine Familie kümmerten sich um das Gelingen der Veranstaltung. Da es damals auch hier keine Dorfjugend mehr gab, ließ man sich von Trachtenträgern aus Groß-Sankt-Nikolaus aushelfen. Die 16 „Kirbei“-Paare marschierten durch die Dorfstraßen, begleitet von den Wolfsberger Musikanten unter der Leitung von Karl Rank. Der Kirchweihzug ist nach der Sitte des Ortes von den Geldherrenpaaren Anita Koity mit Stefan Comlosan und Andrea Stoica mit Raimund Landler abgeschlossen worden. Das jüngste Trachtenpaar im Zug waren Iasmina Dudceac mit Florin Brândusa. Wie es scheint, gab es auch bei dieser Kirchweih kaum noch Trachtenträger mit deutschen Namen. Dafür ist der Rosmarinstrauß und die Krone des „Kirbeibaams“ noch immer – wie seit 20 Jahren – von Marianne Klemens angefertigt worden. Über weitere Triebswetterer Kirchweihfeste ist in der banater Presse bis heute nichts mehr berichtet worden.

Laut einer Reportage aus der „Banater Zeitung“ (BZ – eine Beilage der ADZ) wurde im Januar 1999 schließlich auch die Zukunft der deutschen Abteilung der Dorfschule des Ortes in Frage gestellt. Damals unterrichtete die 23-jährige Lehrerin Ecaterina Lezeu nur noch 5 Kinder aus den Grundschulklassen simultan. Da es unter diesen Schülern damals 3 Viertklässler gab und zugleich kein deutscher Kindergarten da war, konnte die deutsche Grundschulabteilung laut Gesetz nicht mehr erhalten bleiben. Triebswetter gehörte zu den letzten ländlichen Ortschaften des Banats, in der es noch eine deutsche Grundschulabteilung gab.

Das Ortsforum der Deutschen, das seine Tätigkeit 1990 sehr schwungvoll aufgenommen hatte, war Anfang 1999 laut BZ „fast lahmgelegt“. Nach seiner Gründung mietete man ein „schwäbisches“ Haus und richtete es zumeist aus eigener Kraft der Mitglieder, aber mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland bestens ein. Das Dach wurde umgedeckt, die Dachrinnen erneuert, der Hof asphaltiert, ein Festsaal mit 60 Plätzen und eine Kegelbahn sollten auch nicht fehlen. Anfang 1999 hatte das Forum der Deutschen 343 eingeschriebene Mitglieder, aber der Forumssitz ist an den Wochenenden kaum noch besucht worden. Eine Zeit lang kamen noch 8 Familien regelmäßig, aber bald war nur noch die Hälfte von diesen da. Die Bücher der Bibliothek sind nur noch selten gelesen worden, und die Videokassetten schaute sich auch keiner mehr an. In dieser Situation ist bald auch die Heizung der Räume in den Wintermonaten sinnlos geworden. Die technische Ausstattung ließ wegen andauernder  Diebstähle der Anlagen auch immer mehr zu wünschen übrig. Als letztes ist damals aus dem gut gesicherten Gebäude die Stereoanlage gestohlen worden. Nikolaus Schneider meinte auch, dass es wegen der finanziellen Schwierigkeiten, dem Ortsforum nur noch „ums Überleben“ geht. Für das Gebäude mussten 1998 neben anderen Unkosten monatlich 28.000 Lei nur als Miete hingeblättert werden. Als regelmäßige Einnahmequelle kann nur der jeweilige Mitgliedsbeitrag in Höhe von jährlich 10.000 Lei (etwa eine DM) betrachtet werden, dessen Wert aber bei der hohen Inflation, die  im Lande herrscht, sich ständig verringert. Dieser Beitrag müsste wenigstens verdoppelt werden, aber dann würden die Leute massenweise ihre Mitgliedschaft kündigen. Um sich trotzdem über Wasser zu halten, überlegte der Forumsvorsitzende die Vermietung eines leerstehenden Teils des Hauses. Wo bleibt nun aber die Hilfe seitens der Bundesregierung, die so vieles versprochen hat, nur damit sie alte und verlassene Volksdeutsche so fern wie möglich vom Mutterland hält?

Wenn es um Hilfe für die Alten und Kranken – egal welcher Nationalität – geht, so kann diese vor allem bei der vom Temeschburger Caritas-Verband betriebenen Sozialstation gefunden werden. Die seit 1994 von Isolde Stroe geleitete Station, die auch für das Gemeindezentrum Lowrin zuständig ist, bestand 1999 aus einem Arzt, drei Krankenschwestern und einer Pflegerin. Aber auch diese Einrichtung ist vom Mutterland vergessen worden. Die Hilfstransporte mit Arzneimitteln sind seit Jahren ausgeblieben, und  so bleibt den Kranken nichts anderes übrig, als sich die Medikamente selbst besorgen. Da sie aber aus finanziellen Gründen dies meistens nicht tun können, werden sie ihrem Los überlassen. Die Sozialstation konnte in der gegebenen Lage nur den Behinderten mit Gehhilfsmitteln wie Krücken oder Rollstühlen aushelfen.

Nach dem Sturz Ceausescus und dem Exodus der Deutschen ist auch in Triebswetter das wirtschaftliche und soziale Leben zusammengebrochen, und ein Zeichen des Aufschwungs bleibt seit einem Jahrzehnt aus. Schon im April 1996 berichtete die Temeschburger Tageszeitung „Renasterea banateana“ (Banater Wiedergeburt) über die totale Vernichtung des einstigen 70 Hektar großen Obstgartens der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Vor der Wende wurden hier Tonnen von Pfirsichen, Aprikosen, Quitten und Kirschen hauptsächlich für den Export erzeugt, aber eine bestimmte Menge war auch für den Verbrauch im Inland vorgesehen. Bei der Auflösung der LPG wollte man diese sichere Einnahmequelle des Dorfes erhalten, und darum ist dieser Garten nicht an die Bevölkerung verteilt worden, sondern man hatte ihn dem Gemeinderat Lowrin zur Verwaltung übergeben. Dieser konnte aber mit dem Obstgarten nichts anfangen und ließ ihn verfallen. Als die Neubürger dies merkten, begannen sie mit der Abholzung der Obstbäume, mit dem Zweck, diese zu verheizen. So kam es dann dazu, dass der damalige Bürgermeister nicht mehr wusste, was er mit dem 70 Hektar großen Ödland anfangen solle. Sein Vorschlag war, den einstigen besonders gewinnbringenden Obstgarten in eine ... Weide umzuwandeln.

Bei dem gewesenen Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb (SLB = I.A.S.), der nun „Handelsgesellschaft TOMTIM AG“ heißt, sieht die Lage auch nicht rosig aus. Im Jahre 1997 bestand der Betrieb aus drei Farmen für Getreidebau und zwei für Viehzucht; die ersteren bestanden aus insgesamt 3.369 Hektar Ackerboden und die letzteren aus 1.100 Rindern und 5.000 Schafen. Laut einer Aussage des Direktors der „TOMTIM“ Constantin Prodan, war dieser mit der Ernte des Jahres sehr zufrieden. Es wurden damals pro Hektar 4.662 kg Weizen, 4.508 kg Gerste und 8.393 kg Maiskörner eingefahren, dabei erwirtschaftete der Betrieb einen Nettogewinn von 469.000 Lei pro Hektar. Die Viehzucht war dagegen unrentabel gewesen, da ein Liter Milch für 1.450 Lei produziert, aber für nur 1.000 Lei verkauft wurde. Bis 1999 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Betriebs, was aber nicht ausschließlich dem Management, sondern eher der Politik angelastet werden kann. Wie die BZ im Januar 1999 berichtete, verzeichnete der Betrieb im Jahre 1998 zwar einen Bruttogewinn von zwei Milliarden Lei, aber trotzdem befand er sich in einer schwierigen finanziellen Lage. Es wurde in jenem Jahr für 5.500 Tonnen Weizen und 8.000 Tonnen Mais kein Absatzmarkt gefunden. Dazu konnte ein Betrag in Höhe von 12,4 Milliarden Lei für die verkauften Erzeugnissen vom Käufer nicht kassiert werden. Eine Klage in dieser Sache beim Gericht hätte nur weitere Verluste gebracht. Aber gleichzeitig schuldet der Betrieb der Arbeits- bzw. Gesundheitsdirektion 8,3 Milliarden Lei als Versicherungsbeiträge. Von diesem Betrag stellen 3,4 Milliarden Lei Zusatzzahlungen dar, die wegen den Einzahlungsrückständen fällig geworden sind.

Dass es in der heutigen rumänischen Landwirtschaft auch anders zugehen könnte, wollten zwei Deutsche beweisen, aber im November 2001 mussten auch sie zugeben, dass man in den Gegebenheiten dieses Landes eher Misserfolge als Erfolge erzielt. Der Mittvierziger Nikolaus Schneider hatte über ein langes Verfahren den Boden seiner Mutter und seiner Großeltern zurückerhalten. Damit wollte er mit seiner Familie den „großen“ Neuanfang versuchen, doch bald kamen seine Söhne zu besseren Erkenntnissen und wanderten nach Deutschland aus. Nun bebaut er alleine mit Hilfe seines Traktors seine etwa 20 Hektar Ackerland hauptsächlich mit Mais und Weizen. Doch bald hatte auch Schneider „seine Probleme mit dem Absatz“. Vor allem stimmt aber das Verhältnis der Produktionskosten zum Verkaufspreis der Erzeugnisse nicht. Er klagt hauptsächlich über die hohen Treibstoff- und Düngemittelpreise, die die Landwirtschaft in den Ruin treiben. Ärger bereiten dem Mann, der eine Existenzgründung in der Heimat wagte, auch die von deutschen Fachleuten geplanten Silo- und Mahlanlagen von Gottlob, die wegen Mangels an Ortskenntnis überdimensioniert wurden. Diese Anlagen sind im Rahmen der Aktion „Hilfe zur Selbsthilfe“ mit Geldern aus Deutschland errichtet worden, und nun ist neben  vielen anderen auch er Teilhaber dieses Mammutprojekts mit allen Konsequenzen. Mit der Raiffeisen-Gesellschaft geht es Schneider auch nicht viel besser als dem „Tomtim“-Direktor mit dem Staat; auch er muss Monate lang auf sein Geld warten, das er für die Getreidelieferungen erwartet. Trotz all dieser Schwierigkeiten züchtet Nikolaus Schneider mit seiner Frau auch noch 12 Schweine und zwei Kühe.

In der rumäniendeutschen Presse ist auch einige Male über den nun 90-jährigen Nikolaus Wiewe berichtet worden, der gleich nach dem Sturz Ceausescus in seinem Heimatort eine Filiale des Demokratischen Forums der Deutschen gründete. Er hatte zweimal seine Wirtschaft verloren, 1947 nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft und 1951, als er mit seiner Familie in die Baragan-Steppe verschleppt wurde. Er fing aber immer vom neuen an, und sogar in der Deportation gründete er eine Farm für Gemüsebau. Nach seiner Rückkehr schaffte er sich ein neues Heim und beschäftigte sich unter anderem auch mit Gemüse- und Weinbau. 1992 bekam er 10 Hektar Ackerland von den 50, die man ihm 1945 weggenommen hat, zurück. Drei Hektar dieser Fläche hatte Wiewe mit alten Banater Weinstöcken bepflanzt. Da er nach dem frühen Tod seiner Tochter nun allein geblieben ist, bearbeitet er seinen Weingarten zusammen mit seinem Nachbarn und Freund Bonchis, dem er sein Anwesen vererben will.

Dieser Beitrag ist aber schwer abzuschließen, ohne sich die Frage zu stellen: Was bewegt Menschen wie Nikolaus Schneider oder Nikolaus Wiewe, immer wieder die Schwierigkeiten des Neuanfangs in der alten Heimat zu wagen? Wahrscheinlich haben sie noch Ideale. Der eine begründet sein Verbleiben im Heimatort mit den Worten: „... irgendwer muss sich ja auch um die Alten kümmern, die noch hier leben“. Der andere äußert den Leitsatz seines Lebensabends: „An Auswanderung habe ich nie gedacht. Mein Leben hat hier begonnen, hier soll es auch enden!“. Das sind Aussagen von Menschen, die noch ein nobles Ziel vor sich haben, und darum gebührt ihnen unsere Hochachtung.

Mai 2002                                                                                                          Anton Zollner