DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (108)
 T s c h a n a d

Die Großgemeinde Tschanad (heute: Cenad; ung.: Csanád) liegt auf der Banater Heide nur zwei Kilometer südlich der Marosch. Hier, in der nördlichsten Ortschaft des Kreises Temesch endet sowohl die einstige „Szegediner Landstraße" als auch die von Groß-Sankt-Nikolaus ausgehende Eisenbahnstrecke. Die Marosch bildet hier die natürliche Grenze zu Ungarn. Da von Arad bis Makó (etwa 5 km hinter der ungarisch-rumänischen Grenze) keine Brücke die Marosch überquert, versuchen die Temescher Behörden schon seit Jahren, auf höchster Ebene die Zusage zu erhalten, bei Tschanad einen Grenzübergang einzurichten. Man erhofft sich so, das Gebiet von Temeschburg bis zur westlichen Landesgrenze wirtschaftlich wieder zu beleben.

Die Geschichte Tschanads beginnt noch vor unserer Zeitrechnung. Schon in der Römerzeit soll auf dem Gebiet des heutigen Tschanad eine Festung gestanden haben, die Namen wie „Castrum iuxta Morisium", „Urbs Morisena" oder „Civitas Morisena" (= Stadt an der Marosch) trug. Laut L. C. Dedek sollen um das Jahr 450 in dieses Gebiet die Hunnen unter der Anführung Attilas eingedrungen sein. Nach derselben Quelle soll der ungarische König Stephan 1015 den aus Venedig stammenden und 1004 zum Priester geweihten Benediktiner Mönch Gerardus de Sagredo zu sich gerufen haben, um ihn mit der Christianisierung Ungarns zu beauftragen. Laut Gheorghe Drinovan soll in jener Zeit um die Jahre 1000 bis 1030 in Marosvar (Tschanad) der „rumänische Wojwode Ahtum" (Achtum) seinen Sitz gehabt haben. Zu diesem Thema schreibt Dedek in seinem Büchlein „Das Leben des Hl. Märtyrers Gerardus", daß König Stephan 1029 „endlich die Zeit (sah), Ahtony, den stolzen ungarischen Großen, der gegen ihn die Waffen erhob und ein Reich für sich gründen wollte, zu bezwingen". Nachdem Stephans Heer unter dem Feldherrn Chanadinus Achtum besiegt hatte, erhielt die Stadt Marosvár den Namen Chanad (Csanád). Gleichzeitig ließ König Stephan das Tschanader Bistum einrichten, dessen erster Bischof Gerardus war, und die „Stadt Csanád" wurde zum Sitz des Komitats „Csanád". Nach dem Einfall der Tataren in dieses Gebiet im Jahre 1241 erlebte Tschanad einen starken Rückfall. Zwar wurde die Ortschaft auch noch 1343 als „civitas" (also Stadt) bezeichnet, aber in den folgenden Jahren ist sie zu einem Marktflecken geworden, um schließlich bis heute zu einer Gemeinde ohne besondere wirtschaftliche Bedeutung herabzukommen.

Nach der Befreiung Tschanads vom Türkenjoch bestand die Ortschaft nur noch aus 40 von Serben bewohnten Hütten; es gab hier kein Kloster und auch keine Kirche mehr. Neben diesem Serbisch-Tschanad, dem späteren Groß-Tschanad (rum.: Cenadu Mare; ung.: Nagycsanád), entstand durch die Ansiedlung von deutschen Kolonisten Deutsch-Tschanad. Laut Angaben von Josef Kopp sollen in Tschanad schon zwischen 1723 und 1726 einige deutsche Familien angesiedelt worden sein. Er zitiert auch aus einer Quelle, wonach die ersten Deutschen 1745 von Neu-Palanka nach Tschanad gekommen seien. Laut Karl Kraushaar ist „Csanád" in den Jahren 1764-65 um 135 Häuser für Deutsche „erweitert" worden. Die Zuwanderung von Sauerländern im Jahre 1765 wird auch von Friedhelm Treude bestätigt. In seinem Buch „Die Auswanderung aus dem kurkölnischen Sauerland im Zuge der theresianischen Banatbesiedlung 1763-1772" gibt er genaue Daten über deutsche Abwanderer aus dem Sauerland an, die sich in Tschanad niedergelassen haben ( Hömberg, Feldmann, Bette, Degenhard, Beulke, Felbecke, Schulte, Backhaus, Tillmann, Wagner, Poggel oder Bockel u. a.). Daß aber schon vor der „Erweiterung" Tschanads mit Deutschen um 1764-65 hier einige deutsche Familien gelebt haben, beweist auch die Wiedererrichtung der katholischen Pfarrei und die Einführung der Kirchenmatrikelbücher schon im Jahre 1741. Um 1748-49 ist hier auch ein kleines Bethaus errichtet worden, an dessen Stelle 1869 die heutige katholische Kirche eingeweiht wurde (J. Kopp).

1768 soll Tschanad aus 486 Anwesen bestanden haben, 1890 hatte die Ortschaft schon insgesamt 5.585 Einwohner. Im Jahre 1910 stellten die 1.592 Deutschen in Groß-Tschanad einen Bevölkerungsanteil von 28,2 Prozent, dafür aber hatten in Deutsch-Tschanad die 1.158 Deutschen einen Anteil von 75,3 Prozent. Während in Groß-Tschanad bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs sich sowohl die Zahl der Deutschen als auch ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung kaum änderte, stieg ihre Zahl in Deutsch-Tschanad bis 1930 auf 1.438 und ihr Anteil auf fast 88 Prozent. Im November 1940 wurden in Groß-Tschanad 1.568 und in Deutsch-Tschanad 1.457 Deutsche registriert. 1952 sind die beiden Ortschaften, Groß-Tschanad und das auf Alt-Tschanad (rum.: Cenadu Vechiu; ung.: Ócsanád) umgenannte Deutsch-Tschanad (die geographisch gar nicht getrennt waren), unter der Benennung Groß-Tschanad (amtlich: Cenadu Mare) zusammengeschlossen worden. Zugleich wurde Tschanad der neugegründeten Region Arad zugeordnet. Mit der territorial-administrativen Umgestaltung des Landes von 1956, als die Region Arad aufgelöst wurde, kam Tschanad wieder zur Region Banat, bzw. 1968 zum Kreis Temesch zurück, diesmal unter der einfachen Ortsbenennung Tschanad (amtlich: Cenad).

Nach dem Krieg sank die Zahl der Deutschen unaufhaltsam bis heute. 1970 lebten im gesamten Tschanad nur noch 1.667 Deutsche neben 1.969 Rumänen, 883 Serben, 738 Ungarn und 340 Sonstigen. Bis zur Volkszählung von 1977 verringerte sich die Zahl der Deutschen auf 1.419 Seelen, sie stellten damit einen Bevölkerungsanteil von nur noch 28,3 Prozent. Nur 15 Jahren danach, im Januar 1992 bekannten sich hier lediglich 83 Personen zum Deutschtum. Diese lebten in der Großgemeinde neben 2.304 Rumänen, 734 Ungarn, 401 Serben, 450 Zigeunern und 19 Sonstigen. Aber schon bis Februar 1996 sank die Zahl der im Heimatort verbliebenen Deutschen laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Tschanad auf 25.

Anscheinend sind die in Tschad verbliebenen Deutschen und ihre Sorgen in der banater Presse zum letzten Mal am 7. Juli 1993 von der rumänischen Tageszeitung „Timisoara" erwähnt worden. Nachdem in der Reportage die Ergebnisse der Volkszählung von 1992 mit ganz verschiedenen Zahlen im Vergleich zu der offiziellen Statistik angegeben wurden, zitierte man den Tierarzt Alexandru Ambrus: „Hier gab es nie Auseinandersetzungen. Bei uns geht es zu wie bei der UNO. Wir sind eine geschlossene multinationale Gesellschaft". Der damalige Bürgermeister Viorel Matei, der auch 1996 als Kandidat der Partei der Sozialen Demokratie in Rumänien (PDSR) wiedergewählt wurde, bedauerte die Auswanderung der Deutschen und verurteilte zugleich ihre Enteignung nach dem Krieg. Die in der Gemeinde verbliebenen Deutschen seien nur ältere Personen, die meisten hätten gar keine Verwandten mehr. Aber auch über die Zigeuner äußerte sich das Gemeindeoberhaupt im positiven Sinne. 80 Prozent von ihnen seien Menschen, die arbeiten und einen festen Wohnsitz haben; nur wenige würden der Gemeinde Schwierigkeiten bereiten. Die Mehrheit der Zigeuner sollen Mitglieder der Sekte „Zeugen Jehovas" gewesen sein. In der genannten Reportage wurden auch die vier Tschanader Kirchen erwähnt: die römisch-katholische, die rumänisch-orthodoxe, die serbisch-orthodoxe und die griechisch-katholische, die sich damals noch immer im Besitz der rumänisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft befand.

Es wurde aber auch über zwei in Tschanad verbliebene Deutsche berichtet: Anton Fassbinder und Otto Günther. Der damals 62-jährige Vetter Anton wollte trotz seiner sehr kleinen LPG-Rente, von der er nicht leben konnte, nicht nach Deutschland auswandern, wobei er doch seit Jahren im Besitz des Aufnahmebescheids war. Verwandte hatte er keine, nicht in Deutschland und in der alten Heimat auch nicht, aber daheim grüßten ihm alle Dorfbewohner, was in Deutschland nicht mehr der Fall gewesen wäre. Überleben konnte er in Tschanad nur dank der zwei Hektar Feld, die er dem vom Bürgermeister geführten Landwirtschaftsverein verpachtet hatte. Der damals 55-jährige Otto Günther war hingegen fest entschlossen, wegen seiner Krankheit nach Deutschland, wo einer seiner Söhne lebte, auszuwandern. Den Weg nach Deutschland wollte er aber erst antreten, nachdem er seinem zweiten Sohn Siegfried, der in Rumänien bleiben wollte, eine Wohnung in der Stadt kaufen konnte.

Aus fast allen späteren Presseberichten gewinnt man den Eindruck, daß der heutige Alltag in Tschanad nicht so schwarz sei wie dies in fast allen banater Dörfer der Fall ist. Dies soll vor allem dem Bürgermeister Viorel Matei zu verdanken sein, der dieses Amt schon seit 1992 bekleidet. Zwar wurde er über die Liste der PDSR (die von Iliescu geführte postkommunistische Partei), dessen Mitglied er ist, zum Gemeindeoberhaupt gewählt, aber wie er selbst behauptet, befindet er sich nicht nur mit den heutigen Regierenden in Opposition, sondern auch mit seiner Partei der „Sozialisten". „Die einzige Politik die ich mache, ist die wirtschaftliche", soll er gesagt haben. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß während fast alle Gemeinden über leere Kassen klagen, wirtschaftet der Tschanader Bürgermeister meist mit Geldern, die die Gemeinde außerhalb des Haushaltsplans einnimmt. Schon 1993 finanzierte man aus eigenen Mitteln nicht nur die Instandhaltung der Straßen ( das Betonieren der Gehsteige und das Pflastern von Fahrbahnen), sondern man trug auch zur Instandhaltung der vier Kirchen bei. Im Unterschied zu vielen anderen Gemeinden findet der Tschanader Bürgermeister immer die nötigen Gelder, auch wenn es um die Instandhaltung der Schulen geht. Im August 1999 war auch schon das nötige Brennholz für diesen Winter gesichert gewesen. Im gut instandgehaltenen Kulturheim will er nun ein Kulturzentrum für die Jugend einrichten. Der Park ist auch so hergerichtet worden, daß dort verschiedene Veranstaltungen im Freien stattfinden können.

Weil dem Bürgermeister bewußt ist, daß er aus der bankrotten Staatskasse kaum etwas bekommen kann, verläßt er sich hauptsächlich auf örtliche Ressourcen und auf den Beitrag der Bewohner der Gemeinde. Mit ihrer freiwilligen Hilfe ist das Gemeindehaus und der Sitz der Freiwilligen Feuerwehr gestrichen worden, und vor den öffentlichen Gebäuden wurden Blumengärten angelegt. Alle Einwohner Tschanads sind verpflichtet, vor ihrem Anwesen die Straßen rein zu halten und die Wassergräben entlang dieser Verkehrswege instandzuhalten. „... die Dorfgemeinschaft muß arbeiten, Werte schaffen, damit sie Einnahmequellen habe ...", hat V. Matei gegenüber der BZ/ADZ-Journalistin Heidrun Henresz erklärt. Der Beweis dafür, daß er diese Worte auch ernst meint, ist die Tatsache, daß 1997 in Tschanad 738 Zigeuner auf den Feldern des Landwirtschaftsvereins „Morisena" ihr Brot verdienten. Dies erklärt auch, warum es hier unter den fast 4.000 Einwohnern nur 13 Sozialhilfeempfänger gibt, alle kranke oder alte Leute. Zwar sind hier 87 Anträge registriert worden, aber 74 Antragsteller erfüllten nicht die Bedingungen, da sie Einkommen aus der Landwirtschaft und Viehzucht hatten.

Die Bewohner Tschanads leisteten ihren Beitrag auch zur Bekämpfung der von der Marosch verursachten Überschwemmungen, die im Jahr 1998 Schäden in Höhe von 2,7 Milliarden Lei verursachten, 1999 waren diese sogar um 2 Milliarden Lei höher. Trotz dieser von der Bevölkerung erlittenen Schäden erhielten die Menschen seitens des Staates gar keine Entschädigung, aber auch keine materielle Hilfe. In dieser Lage hatte sich die Ortsgemeinschaft entschlossen, selbst entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Jeder Einwohner leistete 140 Arbeitstage zur Befestigung der Marosch-Dämme; es wurden 1.600 Säcke mit Erde auf den Damm geschüttet. Der Gemeinderat stellte für dieses Unternehmen 60 Millionen Lei zur Verfügung. Dank dieser Leistungen können jetzt 600 Hektar Ackerböden vor Überschwemmung der Marosch bewahrt werden.

Viorel Matei ist aber nicht nur der Bürgermeister der Gemeinde, sondern er wurde ohne Gegenstimmen auch zum Vorsitzenden des Landwirtschaftsvereins „Morisena" gewählt. 1991 nach der Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) begann der neugegründete Verein seine Tätigkeit mit 2.700 Hektar Ackerfläche und mit Schulden in Höhe von 41 Millionen Lei (Stand: 1991). Dieser Betrag wurde vom staatlichen Betrieb für Getreideaufkauf als Kredit aufgenommen, um die Banken vom Hals zu kriegen. Der neue Kredit sollte mit Landwirtschaftsprodukte getilgt werden. Im Herbst 1996 verfügte der Verein schon über 46 Traktoren und bestellte 4.360 Hektar Ackerland. Infolge des guten Wirtschaftens im Verein, konnte man mit zusätzlich erwirtschafteten Geldern auch dem Kindergarten und der Schule unter die Arme greifen. Es wurden aber auch Mittel für den Wegebau und die Wasserversorgung der Gemeinde locker gemacht. Der Verein „Morisena" sponserte schon seit einigen Jahren drei kostenfreie Mahlzeiten pro Tag für die 186 Kinder des Kindergartens. Bei dieser Aktion beteiligte sich auch das Bürgermeisteramt mit 400 Lei je Mahlzeit. Der Vereinspräses äußerte damals seine Absicht, auch den Schülern der Allgemeinschule (1.-8. Klasse) einen Imbiß oder gar eine Mahlzeit zur Verfügung zu stellen.

Im September 1996, während der Vorbereitung des Jubiläumsprogramms zum 950. Jahrestag des Märtyrertods des Hl. Gerhard von Sagredo, dem ersten Bischof des Tschanader Bistums, beschloß der Gemeinderat, jährlich den letzten Sonntag des Monats September als den „Tag Tschanads" zu feiern. „Als auf diesem Landstrich vor 966 Jahren die erste Bischofsresidenz vom Hl. Gerhard gegründet wurde, gab es nur einen einzigen christlichen Glauben, und darum dürfen wir mit Recht sagen, daß der Märtyrertod des Hl. Gerhard von Sagredo uns alle angeht, eine Bedeutung für alle Tschanader hat, und darum muß dieses Jubiläum als ein Fest der ganzen Gemeinde betrachtet werden", sagte der Bürgermeister Viorel Matei.

In der Tschanader Pfarrkirche, die zu diesem Anlaß renoviert wurde, fand am 24. September 1996 ein Pontifikalamt statt, bei dem sich die Bischöfe der drei Bistümer beteiligten, die sich heute auf dem Gebiet des einstigen Tschanader Bistums befinden: Temeschburg, Szeged und Groß-Betschkerek. Die Kirche wurde nach der Renovierung schon am 21. Juli 1996 vom damaligen 91. Diözesanbischof Msgr. Sebastian Kräuter geweiht. Bei dieser Gelegenheit hatte er den römisch-katholischen Kindern die Firmung erteilt.

Aus Anlaß dieses Jubiläums fand am 24. September 1996 auf Initiative des Bürgermeisters auf einer Freilichtbühne im Gemeindepark ein Volksfest statt, an dem verschiedene Volksmusikinterpreten und Tanzgruppen teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit äußerte das Gemeindeoberhaupt seinen Wunsch, daß an den „Tschanader Tagen" sich auch ehemalige Tschanader beteiligen sollen. Er versprach, daß sie in ihrer Heimatgemeinde erwartet und diesem Festtag entsprechend empfangen werden.

Dezember 1999                                                                                                 Anton Zollner