DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (123)
W i e s e n h a i d

Etwa fünf Kilometer nördlich vom Gemeindezentrum Engelsbrunn (Fântânele) entfernt liegt das einstige Schwabendörfchen Wiesenhaid (heute: Tisa Noua; ung.: Réthát). Verkehrsmäßig ist die abseits von allen Verkehrswegen gelegene Ortschaft sehr benachteiligt. Sie ist mit der Außenwelt nur über eine Kommunalstraße, die nach Engelsbrunn und nach Kreuzstätten (Cruceni) führt, verbunden. Der nächste Bahnhof befindet sich im 11 Kilometer entfernt gelegenen Neu-Arad.

Wiesenhaid ist 1771 vom Lippaer Salzeinnehmer Carl Samuel Neumann Edler von Buchholt mit deutschen Kolonisten angesiedelt worden. Laut Karl F. Waldner ließ er hier „98 Häuser, eine Schule und ein Wirtshaus erbauen“. Die Herkunftsorte der Siedler sind nur teilweise bekannt, da diese erst ab 1777 und nur sporadisch in den Wiesenhaider Kirchenmatrikelbüchern vermerkt sind. 1777 hatte das Schwabendörfchen 445 Einwohner, deren Zahl bis 1820 auf 660 gestiegen war. Es ist anzunehmen, dass alle Deutsche waren, da alle die römisch-katholische Religionszugehörigkeit hatten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten zwei Dutzend Rumänen hinzu. Erst 1896 hat die Einwohnerzahl die 1000-Seelen-Marke  überschritten, die sie bis etwa nach 1977 halten konnte.

Die Ortschaft trug bis nach 1848 amtlich den Namen Wiesenhaid, danach bekam sie die ins Ungarische übersetzte Benennung Réthát. Nach dem Anschluss des Banat an Rumänien hieß das Dorf wieder über zwei Jahrzehnte lang „Viesenhaid“. Nach dem 2. Weltkrieg, als man hier Rumänen aus der Umgebung von Tebea (am Fuße der Bihor-Gebirge) ansiedelte, ist das Schwabendörfchen auf Tisa Noua umbenannt worden, nach dem Heimatort des ersten rumänischen Kolonisten (Tisa im Landkreis Bihor).

1771-72 ist das Schulgebäude errichtet worden, in dem bis 1846 auch die Gottesdienste stattgefunden haben. Von 1772 bis 1777 bildeten die Wiesenhaider Katholiken eine Filiale der Engelsbrunner Pfarrei. 1777 erhielten sie eine Kaplanstelle, und zugleich wurden auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt. 1851 erhielt das Dorf eine eigene Pfarrei. Fünf Jahre zuvor, 1846, hatte die Grundherrschaft die heutige Kirche errichten lassen.

Von 1856 bis zum Beginn des 2. Weltkriegs stellten die Deutschen immer einen Bevölkerungsanteil von rund 95 bis 99 Prozent. Von den 1.056 Dorfbewohnern, die 1940 hier lebten, waren  1.041 Deutsche und 15 Rumänen. Bei der Volkszählung von 1977 betrug die Einwohnerzahl 1.019; nach ihrer Volkszugehörigkeit waren es 421 Deutsche, 594 Rumänen und 4 Sonstige. Nach 15 Jahren sank die Einwohnerzahl bis Januar 1992 auf  903. Von allen Einwohnern bekannten sich nur mehr 7 Personen zum Deutschtum, die Bevölkerung bestand nun aus 839 Rumänen, 29 Sonstigen und 28 Zigeunern. Bemerkenswert sind aber in diesem Zusammenhang die Angaben der Heimatortsgemeinschaft Wiesenhaid, wonach im Februar 1996 im Heimatort 20 Deutsche verblieben gewesen wären. Aber nur sechs Monate danach meldete die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ (ADZ), dass damals in Wiesenhaid nur 4 deutsche Personen lebten, die auch namentlich angeführt waren: Eva und Johann Schuldes, Katharina Dürbeck und Johann Stößer.

Über das heutige Leben in „Tisa Noua“ wird kaum noch etwas berichtet. In der deutschen Presse des Banats konnte man in den letzten 20 Jahren eine einzige Reportage lesen. Die ADZ berichtete am 3. September 1996 über eine „würdige und besinnliche Feier“, die anlässlich des 150. Jubiläums der Kirchenweihe und des 225. Jahrestags der Ansiedlung Wiesenhaids mit Deutschen stattfand. An der Veranstaltung nahmen etwa 60 Personen teil, darunter 30 Wiesenhaider aus Deutschland und die vier aus dem Heimatdorf. Der Gedenkgottesdienst fand in der 1995 mit Hilfe der in Deutschland lebenden Wiesenhaidern renovierten Kirche statt.  Zelebriert wurde die Gedenkmesse vom in Wiesenhaid geborenen Prof. Peter Jäger von der römisch-katholischen Theologiefakultät aus Karlsburg (Alba Iulia) und vom Ortspfarrer Peter Heim, der von der Sankt-Annaer Pfarrei aus die hiesigen Gläubigen betreut. Von der Kirche zogen die Teilnehmer in den Friedhof, wo die Totenehrung stattfand. Am Nachmittag fand eine Begegnung  der „alten“ Wiesenhaider mit den Neubürgern aus „Tisa Noua“ statt, bei der auch der Bürgermeister der Gemeinde „Frumuseni“ teilgenommen hat. Diese Feierlichkeit wollte eher eine „innige, herzliche und besinnliche, aber auch eine würdige Feier“ sein, „die zwar voller Wehmut war, aber auf  (der man) auf jedwelches Pathos und jedwelche demonstrative Äußerung verzichtete“ (ADZ). Aber auch die Arader rumänische Tageszeitung „Adevarul“ (Die Wahrheit), in der gewöhnlich nationalistische Töne laut werden, hatte einige Male über Tisa Noua“ berichtet. Das Thema dieser Berichte, können aber kaum noch einen Wiesenhaider Landsmann interessieren.

Im Dezember 1998 schrieb die „Adevarul“, dass das einstige Schwabendörfchen als einziges in der ganzen Umgebung über absolut kein Fernsprechgerät verfügt. Hier gibt es nicht nur keine öffentliche Sprechstelle, sondern nicht einmal einen Anschluss bei einer Firma oder bei einer Privatperson. Im Notfall muss man so in das 5 Kilometer entfernte Gemeindezentrum zum Postamt laufen. Es war noch kein Monat vergangen, als ein solcher Notfall eingetreten war. In der Silvesternacht zündete Ioan B. einige Feuerwerkskörper  und setzte damit sein Viehfutterlager in Brand. Bis die Feuerwehr aus Arad angefahren kam, war das Viehfutterlager nur noch Asche.

Schließlich veröffentlichte dieselbe Zeitung im Dezember 2000 eine Reportage, in der etwas über das Leben der Neubürger berichtet wurde. Am ersten Sonntag des Monats Dezember feiern die orthodoxen Gläubigen das Fest des Schutzpatrons ihrer Kirche, der den Namen „Sfântul Nicolae“ (Heiliger Nikolaus) trägt. Der Grundstein der rumänisch-orthodoxen Kirche  ist 1975 gelegt worden, und im August 1981 ist das Gotteshaus dem Hl. Nikolaus geweiht worden. Bis 1995 ist die „Ruga“ (die Kirchweih) deswegen immer am letzten Sonntag des Monats August gefeiert worden. Dem seit 1995 amtierenden Pfarrer Cristian Tuhut kam aber diese Feier zu „weltlich“ vor und verlegte sie darum sie in die Winterzeit. Anstatt einer weltlichen „Ruga“ (Kirchweih) findet jetzt eine Ehrung des Schutzpatrons statt, die „der religiösen Besinnung der orthodoxen Gläubigen dienen soll“.

Mai 2001                                                                                                           Anton Zollner
 

Zuschrift von Herrn Richard Jäger:

Anmerkung zu Ihrem Bericht über Wiesenhaid:
"Bemerkenswert sind aber in diesem Zusammenhang die Angaben der Heimatortsgemeinschaft Wiesenhaid, wonach im Februar 1996 im Heimatort 20 Deutsche verblieben gewesen wären. Aber nur sechs Monate danach meldete die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ (ADZ), dass damals in Wiesenhaid nur 4 deutsche Personen lebten, die auch namentlich angeführt waren: Eva und Johann Schuldes, Katharina Dürbeck und Johann Stößer. "

Das stimmt es lebten nur 4 Deutsche mehr in Wiesenhaid, die Angabe der 20 Personen bezieht sich nicht auf den Ort Wiesenhaid , sondern in ganz Rumänienleben noch etwa 20 Wiesenhaider. Da man im Rahmen des Banater Hilfswerkes auch diesen Landsleuten eine Hilfssendung zukommen lassen wollte, hat man die auch bei der HOG aufgeführt.