MITTELALTERLICHE BURGEN DES BANATS (4)
Ada-Kaleh – die Inselfestung

„Diese Insel wurde vom Herrgott erschaffen, um den Gedanken Güte und der Seele des Menschen süße Ruhe zu schenken ...“, so sprach laut Franz Liebhard, Mikin Baba, der „heilige Mann“ aus Buchara, der auf die namenlose Insel gekommen war, um dort zu sterben. Die Griechen nannten sie einst „Land der wilden Oliven“, später hieß sie Caroline-Insel, die Österreicher gaben ihr den Namen „Neu-Orschowa“, durchgesetzt hat sich aber das türkische „Ada-Kaleh“.

Ada-Kaleh befand sich etwa 3 bis 4 km östlich vom Städtchen Orschowa. Sie war 1750 m lang und 400 bis 500 m breit, und sie lag 48 m über dem Meeresspiegel. Ihr Boden bestand aus Kies und Sand, die vom Wasserstrom der Donau zusammengetragen wurden. Auf der Insel herrschte ein mediterranes Klima, was sie der umgebenden hügeligen Landschaft zu verdanken hatte. Fauna und Flora waren auch dementsprechend. Auf der Insel lebten Kreuzottern und Skorpione. Zu ihrer Pflanzenwelt gehörten die Feigen, die Mandeln, Maronibäume, die Zypressen, Kletterreben u. a. Die Bevölkerung bestand aus einem Gemisch von mohammedanischen Arabern, Albanern, Bulgaren, Kurden, Türken und Serben. Das Aussehen der Verkehrswege und Gebäuden hatte einen türkischen Charakter: schmale und krumme Gassen, kleine in Gärten versteckte Hütten, die mit schrillen Farben bemalt waren. Die Hauptgasse wurde tagsüber zu einem Straßenbazar.

Ein Blick auf die Straßenbazare in der Mittagspause

Ada-Kaleh besteht heute leider nur noch aus Sagen, Erzählungen und Geschichte. 1971-72 verschwand die Insel endgültig von der Landkarte und ruht jetzt niedergewälzt bis zum letzten Stein unter dem Wasser der Donau. Sie wurde dem technischen Fortschritt der Menschheit geopfert. Otto Alscher können wir es verdanken, dass er uns die Natur der Insel und die Sitten ihrer Bewohner aus vergangenen Zeiten überliefert hat. Dr. Theodor N. Trâpcea schrieb noch vor ihrem Untergang 1969 eine Dokumentation, die als Hauptquelle für die folgenden Zeilen benutzt wurde. Der Verfasser dieses Beitrags war 1968 selbst Zeuge der Abtragung der Festungsmauern.

Vom Festland erreichte man die Insel mit den Kähnen, an deren Rudern „Insulaner“ saßen. Dem Besucher wurden schon bei der Ankunft im „Hafen“ die Erzeugnisse der Inselbewohner angeboten: verschieden Schmuckimitationen, Konfitüren aus auf der Insel wachsenden Südfrüchten und das berühmte Rosenrahat, hier „Lookum“ genannt. Entlang der Haupt- und ihrer Nebengassen befanden sich nur Bazare und Kaffeeterrassen, auf denen ständig „türkischer Kaffee“ angeboten wurde. Das in Kupferkannen und in Sand gekochte und nicht gefilterte Getränk war eine Köstlichkeit, die man nur auf der Insel Ada-Kaleh und eventuell in Bukarest oder in der Dobrudscha (an der Schwarzmeerküste) genießen konnte. Auch für die Raucher gab es hier einen „Leckerbissen“ und zwar die „Ada-Kaleh“-Zigaretten. Der Besucher fühlte sich auf der Insel wie im Orient.

Der Rosenrahat von Ada-Kaleh war eine berühmte Süßigkeit

Diese „kleine Türkei“ war von einer starken Wehrmauer umgeben, die teilweise eine Höhe von 25 m erreichte. Die Festungsmauer war mit Bastionen und Schießlöchern, aber auch mit Bunkern versehen. Außerhalb der Mauer verlief ein Wassergraben. Die östliche und hauptsächlich die westliche Seite waren durch Wälle besonders befestigt. Innerhalb der Mauer befand sich die Burg, in der der Festungskommandant seinen Sitz hatte, eine Kaserne und der Pulverturm. Der Zugang war über drei Tore gesichert, das Haupttor befand sich auf der Nordseite. Vor den Toren waren Hängebrücken über den Wassergraben gespannt. Die aufgezählten Festungsanlagen waren durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Die gesamte Festung war nach dem Vauban’schen System gebaut, das im 18. Jahrhundert als eine der modernsten Wehranlagen Südosteuropas galt.

Das Haupttor der Festung von Ada-Kaleh

Über dem östlichen Tor erhob sich die 1903 errichtete Moschee, die an Stelle eines Franziskaner-Klosters erbaut wurde. Für Aufsehen sorgte der 490 kg schwere und 9 x 15 m große Teppich, auf dem die „Ungläubigen“ keinen Fuß setzen durften. Das in Hereke (Türkei) erzeugte Kunstwerk war eine Schenkung des osmanischen Sultans Abdul Hamid (1876-1909) an die „Gläubigen“ der Insel Ada-Kaleh. Nach der Umsiedlung der moslemischen Bevölkerung wegen dem Bau des Wasserkraftwerks „Eisernes Tor“ hatte man 1965 den Teppich nach Konstanza in die 1910 von König Karl I. errichteten Moschee gebracht.

Die Festungsmauern und das Minarett

Über die Geschichte der Festung ist schon sehr viel geschrieben worden, aber glaubwürdige Daten stammen erst seit 1689 aus österreichischen Quellen, die auch von Dr. Trâpcea in seine Dokumentation aufgenommen wurden. Als 1689 der österreichische General Veterani die Insel erstmals vor Augen bekam, erkannte er sofort ihre strategische Bedeutung. Er forderte sofort vom Wiener Hof 200.000 Taler, um auf der „Carolineninsel“ eine fünfeckige Festung zu erbauen. Noch im selben Jahr begann er mit der Errichtung der Außenanlagen. Nach der Fertigstellung der Festung zog hier eine 400 Mann starke und mit Kanonen bewaffnete Garnison ein. Diese wurde aber schon 1691 mit türkischer Hilfe von Emmerich (Imre) Tököly, der den Thron Siebenbürgens anstrebte, vertrieben. Im nächsten Jahr eroberten die Österreicher die Insel zurück und befestigten sie. 1699, nach dem Frieden von Karlowitz wurde die Insel wieder türkisch.

Während des zweiten österreichisch-türkischen Krieges (1716-18) beauftragte Prinz Eugen von Savoyen den Grafen Mercy, die Inselfestung, die nun „Neu-Orschowa“ genannt wurde, weiter auszubauen. In den ersten Jahren hatte man vier Basteien errichtet, danach Kasernen und ein Proviantlager. Auf dem rechten Ufer erbaute man einen Wachturm. Die Arbeiten waren aber noch nicht abgeschlossen, als 1737 der dritte österreichisch-türkische Krieg ausbrach. 1738 eroberten die Türken Orschowa, deren zerschlagene Besatzung sich auf Ada-Kaleh zurückgezogen hat. Als die Türken dann die Inselfestung stürmten, verfügte der Festungskommandant Oberst Kehrenberg nur über 1.500 Mann. Kehrenberg lehnte trotzdem eine für ihn vorteilhafte  Kapitulation ab. Nach einer viermonatigen Belagerung, bei der die Türken die Festung mit etwa 200 Kanonen und Mörser beschossen hatten, übergab sich Kehrenberg mit seiner Garnison am 15. August 1738.

Durch den Friedensvertrag von Belgrad (1739) blieben Orschowa und die Inselfestung in den Händen der Osmanen. Nach einem 50-jährigen Frieden, belagerten die Österreicher 1789 erneut Ada-Kaleh, nachdem sie 1788 den vierten österreichisch-türkischen Krieg entfesselten. Die Türken wurden durch Aushungerung zur Kapitulation gezwungen. Trotzdem blieb die Insel durch den Friedensvertrag von 1791 (in Schischtow) türkisch, während Orschowa wieder österreichisch wurde.

Nach diesem vierten österreichisch-türkischen Krieg verlor Ada-Kaleh seine Bedeutung als Festung. Das letzte militärische Ereignis, das die Inselfestung erlebte, war ihre leichte Eroberung seitens der Russen im türkisch-russischen Krieg von 1806-12. 1849 diente sie zeitweilig als Zufluchtsort der Führer der ungarischen Revolution von 1848-49. Durch den Frieden von Berlin 1878 wurden die Grenzen des Osmanenreiches beträchtlich gen Süden verschoben und Ada-Kaleh verblieb als eine kleine „Muselmaneninsel“ im weiten „christlichen Ozean“. Sie blieb im Besitz des türkischen Sultans, aber unter österreichisch-ungarischen Verwaltung. Ihre Bewohner hatten das Recht auf einen eigenen Murdir (Bürgermeister), einem Kadi (Richter), einen Imam (Geistlichen) und auf eine türkische Fahne. Die Insulaner genossen zugleich Steuer- und Zollfreiheit und sie konnten nicht zum Wehrdienst einberufen werden. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie entschlossen sich die Inselbewohner 1923 zum Anschluss an Rumänien, wodurch sie später ihre Privilegien verloren hatten.

Heute ist Ada-Kaleh nur noch ein von den Fluten der Donau überschwemmtes „Märchenland“. Vor der Überflutung wurden zwischen 1968-71 alle Festungsmauern, Basteien und die Moschee mit ihren schon vom Festland erkennbaren Minarett abgetragen. Um die wissenschaftliche Weltöffentlichkeit zu beruhigen, täuschte man eine „Übersiedlung“ der Festungsbauten und –mauern auf die nicht weit stromabwärts gelegene unbewohnte Insel „Simian,, vor. In Wirklichkeit war das aber nur eine Nachahmung, die sich 1980 noch weit von einer originaltreuen Kopie befand. Wahrscheinlich nahmen es die rumänischen Behörden mit der angekündigten Restauration der Festung gar nicht so ernst. Sie erlaubten damals nicht einmal allen Besuchern die Insel zu betreten aus Furcht, dass diese nach Jugoslawien fliehen könnten. Die Bevölkerung Ada-Kalehs hatte die Wahl der Umsiedlung in die Türkei oder in die von Türken bewohnten Ortschaften der Dobrudscha. Die Mehrheit entschied sich für die Ausreise ins Mutterland.

1991                                                                                                                            Anton Zollner

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