MITTELALTERLICHE BURGEN DES BANATS (16)
Die Burg „Turris Ovidii“

Von Karansebesch aus führt die Kreisstraße DJ 608A in östlicher Richtung entlang des Flüsschens Karasch, hinauf auf die 1805 Meter hohe „Muntele Mic“- (Kleiner Berg)-Spitze des „Tarcu“-Massivs aus den Südkarpaten. Auf diesem Weg stößt man nach 14 Kilometern auf die Gemeinde Turnu Ruieni. Oberhalb dieser Ortschaft steht der von Sagen umwobene „Turm des Ovid“. Wie kam dieser Turm zu dieser Verbindung mit dem römischen Dichter Publius Ovidius Naso (* 20.03.43 v.Chr. - 18 n.Chr.), der doch nach Tomis (das heutige Konstanza) am Schwarzen Meer verbannt wurde?

Laut einer Legende soll Ovid auf seinem Weg in die Verbannung nach Tomis hier gerastet haben. Franz Engelmann zitiert sogar eine von Karansebescher „Lokalpatrioten“ erzählte Legende, wonach Ovid gar nicht nach Tomis verbannt wurde, sondern in die rauen Berge aus der Nähe von Karansebesch. Zusätzlich soll nach dieser unglaublichen Legende auch der Name des Städtchens Karansebeschs nicht aus den zwei früheren Ortsnamen Karan und Sebesch (mit der Burg, die früher „Szebusvár“ hieß) entstanden sein, sondern aus dem Ovid-Zitat „Cara mihi sedes“, was eigentlich „Sitzplatz“ oder „gemütlicher Ruheplatz“ bedeuten soll. Diese Theorie hat sich aber nicht nur unter „Lokalpatrioten“ verbreitet, sondern sie wurde 1780 auch von Karl Gottlieb von Windisch in seinem Werk „Die Geographie des Ungarischen Königreichs“ aufgenommen. Selbst Béla Schiff vertrat noch um die Hälfte des 20. Jahrhunderts die oben geschilderten Meinungen über die Namensgebung Karansebeschs. In einem anderen in Leipzig 1847 erschienen Buch „Die Charakterzüge, Memoiren und historische Anekdoten über Kaiser Josef II.“ schrieb der Autor, dass in dieser Stadt (Karansebesch), wo der Herrscher sein Lager aufgeschlagen hatte, der berühmte Dichter Ovid verstorben sei. Dies alles reichte wahrscheinlich noch nicht für die Sagenwelt. Es gab Autoren, die behaupteten, dass in der Zeit  Friedrichs II. Ovids Grab in Szombathely gefunden wurde. Andere behaupten, dass unweit von Konstanza eine Turmruine steht, die man „Tour d’Ovid“ nennt, und dass dort Ovid verstorben sei. In Nadlak will man einen Sarg gefunden haben, auf dem der Name „Ovidius Naso“ steht, und in Karansebesch soll sogar eine Gedenkkolumne Ovids gefunden worden sein. Ein anderer Autor erklärt sich diese Verbreitung der Ovid-Spuren durch die Reisefreiheit, die Ovid während seiner Verbannung genossen haben soll.

Wieviel Wahrheit kann in diesen Sagen stecken? In der Geschichte ist es bekannt, dass der römische Kaiser Marcus Ulpius Traianus im Jahre 101 n. Chr. mit der Eroberung Daziens begonnen hat. Da Ovid aber schon im Jahre 18 n. Chr. verstorben ist, konnte das heutige Banat noch keine römische Provinz gewesen sein. Damit ist es auch ausgeschlossen, dass der Dichter sich in dieser Gegend aufhalten konnte.

Der „Turm des Ovid“ war auch wahrscheinlich niemals eine Burg, wie er in mehreren Dokumenten bezeichnet wird  und auch kein Teil davon, sondern wahrscheinlich nur ein Wachturm. Dr. Theodor N. Trâpcea erwähnte in seinem Schreiben die Vermutungen einiger rumänischer Historiker, wonach an der Stelle der „mittelalterlichen Burg“ schon die Daker einen Wehrbau errichtet hatten, der später von den Römern verstärkt wurde. Diese Meinung vertretet auch Luminita Munteanu-Dumitriu mit der Behauptung, dass an einer Wand ein Teil eines Marmorsteins mit einer römischen Inschrift eingemauert sei. Nach Béla Schiff „wissen die meisten Banater Historiker, dass Peter Petrowyth (Petrovics), der Temescher Comes und Ban von Karansebesch, am Fuße des Berges ‚Muntele Mic’ auf einem länglichen Hügel, von wo man weit in die Ferne sehen konnte“, den Turm errichtet hat. Dies könnte aber auch nicht stimmen, wenn der Turm - wie Franz Engelmann behauptet - schon viele Jahrzehnte zuvor, und zwar im Jahre 1467, als „Turris lapidaris“ (Steinerner Turm) zum erstenmal dokumentarisch belegt wurde. Munteanu-Dumitriu behauptet, dass in jener Urkunde die rumänische Adelsfamilie Mâtnic als Besitzer genannt wurde. Man hat den Turm auch weiterhin bis 1700 erwähnt aber seine weiteren Eigentümer blieben unbekannt.

Der "Turm des Ovid" (Turnu Ruieni) nach einer Ansichtskarte von Béla Schiff

 Die Ruinen des fälschlicherweise als „Turm des Ovid“ benannten Wehrbaus befinden sich heute auf dem Hügel, der den Namen „Stârminita“ trägt. Von dort aus hat man die Übersicht über das gesamte Sebesch-Tal. Laut Dr. Trâpcea war de Turm viereckig mit jeweils 8 Meter langen Seitenwänden. Die Höhe des Baus betrug 15 Meter, und er hatte zwei Obergeschosse. Die Turmmauern waren 2,25 Meter dick. Als Baumaterial hatte man laut Munteanu-Dumitriu Bruchstein verwendet, das Fundament bestand aus fassonierten Blocksteinen. An den Außenwänden wurde in der Mitte des zweiten Obergeschosses rundherum ein Gang aus Holz angebracht, von dem aus man die Umgebung beobachten konnte. Der Wehrturm war von einem runden Hof umgeben, an dessen Rand ein Wehrgraben verlief, der von einem Erdwall gesäumt war. Der Zugang war nur von einer einzigen Stelle im Sebesch-Tal möglich.

Der Turm war nach 1700 nicht mehr bewohnt, und so geriet er in Vergessenheit. Da sich der Wehrbau nicht im Grenzgebiet der beiden rivalisierenden Großmächte - Österreich und das Osmanenreich - befand, hatte man ihn nicht absichtlich zerstört. Der „Turris Ovidii“ wurde dem natürlichen Verfall preisgegeben, und so nagte die Witterung unaufhaltsam an diesem historischen Bau unter den Augen der für die Konservierung der nationalen Kulturgüter  zuständigen Behörden.

Zur Zeit ist ein Teil des Bauwerks nach einem Blitzschlag eingestürzt. An dem noch vorhandenen Teil sind die Fensterlöcher erkennbar geblieben. Die vorbeiziehenden Touristen und Bergsteiger bewundern im Herbst lieber die korallenfarbenen Früchte der dichten Wildpflanzen (cotinus coggygria), die im Sonnenschein eine glutrote Farbe bekommen, als die von den Zuständigen so verantwortungslos behandelten „Burgruinen“. Diesem bunten Farbenspiel verdankt das in der Nähe gelegene Dorf Turnu Ruieni seinen ungarischen Namen „Pokolfalú“ (Höllendorf).

November 1991                                                                                                  Anton Zollner