Auf der Europa-Straße E-70 von Karansebesch nach Temeschburg liegt vor Lugosch die rumänische Gemeinde Gavojdia. Von hier zweigt rechts eine Straße ab, die entlang einer Schmalspur-Eisenbahnstrecke nach Nadrag führt, und auf der man nach 5 Kilometern die ländliche Ortschaft Jdioara (lies: Schdioara) erreicht. Oberhalb des Dorfes stand einst auf einem Bergkegel des Poiana-Ruscai-Gebirge, der „Pleasa-Hügel“ genannt wird, die mittelalterliche „Judenburg“.
Wie die „Judenburg“ zu ihrem Namen kam, ist bis heute nicht bekannt. In den Urkunden ist sie meist als Sydovár oder Zsidóvár angegeben. Franz Engelmann geht dabei auf den deutschen Namen der Burg ein. Er erwähnt in diesem Zusammenhang die Hypothese, nach der die römischen Kaiser Commodus und Aurlian hier Juden zwangsangesiedelt haben sollen. Zugleich weist er auch auf die Meinung des Historikers Frigyes (Friedrich) Pesty hin, der die oben genannte Theorie bezweifelt und den Namen der Burg von dem im Mittelalter verbreiteten Personennamen Sido oder Zidoy ableitet. In jüngster Zeit versuchte der rumänische Museograph Marius Moga eine neue Hypothese aufzustellen. Nach seiner Vorstellung wurde zur Erklärung alter Stätte, deren Herkunft man nicht kennt, zur Bibel gegriffen. Man griff also auf das „älteste Volk“, auf die Juden zurück, und man ließ so nach biblischer Vorstellung Namen wie Judenburg im Banat oder Adamclisi in der Dobrudscha entstehen. Karl Kraushaar betrachtete die „Judenburg“ als „unstrittig einen der ältesten Wohnorte des Banats“, sie soll nach ihm von der Familie Csáky erbaut worden sein. Heute trägt die „Judenburg“ und das in ihrer Nähe gelegene Dorf den nichtssagenden rumänischen Namen Jdioara.
Die „Judenburg“ wurde auf dem „Berghügel“, auf einem 150-200 m x 20-30 m großen Plateau erbaut. Der Aufstieg war nur vom Norden aus möglich, weil die anderen drei Seiten steile Abhänge hatten. Der erste Bau, der wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammt, war ein viereckiger Turm, dessen Mauern 3-3,50 m dick waren. Grabungen erwiesen aber, dass sich hier schon im 12. Jahrhundert eine Siedlung befand. Später wurde die äußere Burgmauer errichtet, die auch eine viereckige Form mit abgerundeten Winkeln hatte. Von den Nord- und Ostseiten dieser Mauern sind noch teilweise 6-7 m hohe Ruinen erhalten geblieben. Zugleich mit dieser Außenmauer wurde auch der zweite (südliche) Turm errichtet, der die Maße 3,60 x 3,10 m hatte. Vom südlichen Bau sind bis heute nur noch einige Steinklumpen übrig geblieben.
Die Burgruinen des südlichen Bauwerks (nach Dr. Th.N. Trâpcea)
Dokumentarisch belegt ist die „Judenburg“ laut Luminita Munteanu-Dumitriu seit 1320, als sie von einem „castellanus de Sydovár“ verwaltet, eine königliche Burg war. Laut Kraushaar berichtet eine Urkunde, dass der ungarische König 1368 den Temescher Grafen (Comes) Benedikt Heem (nach Dr. Theodor M. Trâpcea: Himfy) neben den Burgen Mihald, Sebesch und Orschowa auch zum Befehlshaber der „Judenburg“ eingesetzt hatte. Laut Munteanu-Dumitriu ist die Burg 1387 zum erstenmal gestürmt worden, und zwar von rebellierenden Banater Adligen. Nachdem das königliche Heer die Burg zurückeroberte, hatte man sie dem Severiner Banat unterstellt.. Wegen ihrer strategischen Bedeutung in der Verteidigung des Banats in Richtung Siebenbürgen, versuchten mehrere Adlige, sie in ihren Besitz zu bekommen. Einer von ihnen war Georg von Brandenburg, der durch Heirat siebenbürgischer Großgrundbesitzer wurde. Später war der Wehrbau im Besitz der siebenbürgischen Fürsten Johann Zápolya und Sigismund Báthory. Im 15. und 16. Jahrhundert gehörten auch 27 Dörfer zur „Judenburg“, die zu ihrer Erhaltung beitragen mussten. Zum zweiten Mal wurde Burg vom Heer des walachischen Wojwoden Michael dem Tapferen im Jahre 1600 belagert. Das Heer, das die „Judenburg“ 29 Tage lang belagerte stand unter dem Befehl des walachischen Hauptmanns Baba Novac. Nach dieser Zeit ist die Belagerung unterbrochen worden, weil der walachische Wojwode das gesamte Heer zur Eroberung der Moldau brauchte. 1613 fiel die Burg in die Hände der Türken. Zum letzten Sturm auf die Burg ließ der österreichische General Friedrich Ambrosius Graf von Veterani im Jahre 1688 blasen, als er „den Feind aus ’Schidowa’ und Karansebesch“ vertrieben hat. Der General bezeichnete die „Judenburg“ (wie auch die Karansebescher Burg) als „armseliges Nest“. Gleich danach ist auch sie aufgrund des Karlowitzer Friedensvertrags zerstört worden.
Nach ihrer Zerstörung diente die „Judenburg“ nur noch zur Hausung der walachischen Heiducken (Freischärler), die das Habsburger Kaiserreich bekämpften. Von hier aus unternahmen sie ihre Raubzüge, die von den Österreichern drastisch bekämpft wurden. 1739 liquidierte der General Leutulus dieses Widerstandsnest der Heiducken. Danach steckte er die Mauerreste in Brand und ließ die 50 Gefangenen vor den abgebrannten Mauern erschießen.
Die Außenmauer der "Judenburg" heute
Heute sind auf der Nordseite im Walddickicht nur noch die Hälfte der Außenmauer zu sehen. Auf der südlichen Seite liegen sowohl innerhalb als auch außerhalb der einstigen Burgmauern einige Steinklumpen. Um diese Zeugnisse früherer Zeiten kümmert sich heute niemand mehr in Rumänien. In der derzeitigen rumänischen Geschichte werden diese Burgruinen als „Symbol des Widerstandes der Banater Bauernschaft gegen die Herrschaft der Habsburger“ betrachtet.
Januar 1992
Anton Zollner