MITTELALTERLICHE BURGEN DES BANATS (21)
Die Lippaer Festung

Lippa war eine der an der Marosch entlang errichteten Festungen. Sie diente zusammen mit der Schoimoscher Burg zur Verteidigung des „Tors zu Siebenbürgen“, wie man hier das Marosch-Tal nannte. Ihre Geschichte reicht bis zum Anfang des Jahrtausends zurück und ist eng mit der Geschichte der gleichnamigen Stadt verbunden, weshalb im folgenden Beitrag beide geschildert werden. Die Urkunden über Lippa sind so zahlreich, dass man heute im Gegensatz zu den anderen Wehrbauten fast die gesamte Geschichte der Festung und der Stadt kennt. Die erhalten gebliebenen Daten wurden sehr ausführlich von Ioan Hategan 1989 in seinem Beitrag zur Geschichte Lippas zusammengefasst.

Die Lippaer Festung stand am linken Ufer der Marosch, dort, wo diese zwischen dem Zarander Gebirge (Muntii Zarandului) und den Lippaer Hügeln in die Arader Ebene fließt. Die Burg der Festung befand sich dort, wo heute die Straßen Matei Corvin und Mihai Viteazu an ihrem nördlichen Ende zusammentreffen. Von der Lippaer Festung auf dem linken Ufer und von der Schoimoscher Burg auf dem rechten Ufer des Flusses aus konnte man das ganze Marosch-Tal überwachen. Die strategische Bedeutung dieser Enge konnte man auch im 2. Weltkrieg feststellen. Von Lippa aus konnte man den gesamten Handelsverkehr (vor allem die Salztransporte), der auf dem Fluss getrieben wurde, beaufsichtigen. Eben das erklärt auch die besondere Entwicklung der Ortschaft im Mittelalter.

I. Hategan ist der Meinung, dass Lippa schon am Anfang des 2. Millenniums eine Siedlung ohne Wehrgräben und Schutzwällen war. Im 13. Jahrhundert ist sie aber schon als Festung erwähnt worden. Im Unterschied zu anderen Autoren, die die Urkunde des Königs Béla IV., durch welche der Ausbau und die Instandsetzung mehrerer Banater Burgen veranlasst wurde, als ein Schriftstück der Jahre nach 1241 einschätzen, gibt Hategan 1245 als das Jahr des Erlasses dieser Urkunde an. Diesmal soll nach Dr. Theodor N. Trâpcea bei der Wiedererrichtung der von den Tataren 1241 zerstörten Festung sogar Stein verwendet worden sein. Wie tüchtig diese Arbeiten ausgeführt wurden, beweist der Widerstand der Mauern während eines neuen Tatarenüberfalls im Jahre 1285, als die Festung „Leipoa“ genannt wurde. Karl Robert von Anjou besuchte Lippa mehrmals, und zwar im Juli, August und Dezember 1315 und im August 1316. Hategan erklärt diese häufige Anwesenheit des Königs mit dem „günstigen Klima und wahrscheinlich auch mit den Mineralwasserquellen“. Dr. Trâpcea vermutet hingegen, dass der König auch wegen Verhandlungen mit seinen Gegnern hierher gekommen sei. 1324 soll hier ein gewisser Thomas als „castellanus de Lypoa“ Burgvogt gewesen sein. Laut Karl Kraushaar stiftete der König 1325 ein Minoritenkloster und befestigte erneut die Festungsmauern. Ion Lotreanu schreibt hingegen in seiner „Monografia Banatului“ (Die Monographie des Banats), dass die Gattin des Königs, Elisabeth, zu Ehren des Hl. Ladislaus 1327 eine Kirche und eine Klause des Franziskanerordens errichten ließ. Aus den päpstlichen Steuerlisten der Jahre 1332-37 ist ersichtlich, dass es damals in Leypoa bzw. Lippoa eine Pfarrei gegeben hat.

Von dieser Zeit an bis ins nächste Jahrhundert verlor Lippa seine militärische Bedeutung, die nun von der Schoimoscher Burg übernommen wurde. Die Festung und die Stadt an der Marosch gewannen aber an wirtschaftlichem Gewicht. Dass der Ort in dieser Zeit zu einem wirtschaftlichen und administrativen Mittelpunkt der Umgebung wurde, belegt Hategan durch einige Beispiele. So ist die Klage vom 20. September 1335 eines gewissen „Paulus Criptus de Lypua“ erwähnt, dem sein Adelstitel nicht anerkannt wurde. Aufgrund eines indirekten Beweises vermutet Hategan die Existenz einer Münzprägestätte in Lippa. Laut Dr. Huszár soll diese von König Karl Robert von Szegedin hierher verlegt worden sein. 1349 sprach der Papst weitere Rechte dem von Karl Robert gestifteten Minoritenkloster zu. In der Regierungszeit des Königs Ludwig I. wird durch eine Urkunde, die mit dem 29. Januar 1357 datiert ist, die Existenz der oben erwähnten Münzstätte dokumentarisch belegt. Münzkammergraf von „Lyppa“ war damals „Mychaelis, filii Georgii“, Bürger von Ofen. In derselben Urkunde ist auch belegt, dass Lippa in jener Zeit im Besitz einer  Salzkammer war. Bekanntlich transportierte man auf der Marosch schon in den frühesten Zeiten Salz aus Siebenbürgen in Richtung Westen. 1363 ist in Lippa der Knese Ladislaus hingerichtet worden. 1365 zog Ludwig I. mit seinem Heer über Lippa in Richtung Widdin. Hategan weist auch auf einen Arzt hin, den „medicus Petrus“, der in einer Urkunde vom 11. August 1367 in Lippa verzeichnet war.  Die Existenz des siebenbürgischen Salzamtes in Lippa wurde auch 1368 bestätigt. Eine Urkunde vom 21. Februar 1389, die die Bereitschaft des Lippaer Bürgers Franciscus Magnus zu Stadtabgaben an den Arader Kapitel beinhaltet, belegt zugleich die Behebung Lippas zur Stadt. Für das Jahr 1398 ist in der Stadt ein Pfarrer Namens Stefan verzeichnet. In derselben Zeit wurde Lippa als Kur- und Badeort in Südosteuropa bekannt.

Anfang des 15. Jahrhunderts sind schon mehrere Beweise vorhanden, die den Stadtstatus Lippas bekräftigen. Hategan zitiert dafür Klöster, Kirchen, Salz- und Steueramt, wie auch die Münzstätte. Der rumänische Autor berichtet aus dieser Zeit auch über die ersten Studenten, die ausländische Universitäten besuchten; in der Zeitspanne 1383-1544 sollen es 40 gewesen sein. Für das Jahr 1402 wird Ladislaus der Gelehrte als Lippaer Weingutsbesitzer vermerkt. In dieser Zeit besuchte der Temescher Graf (Comes) Filippo Scolari mehrmals Lippa zwecks Erholung und Kurbehandlung. Hier hatte er auch viele amtliche Schreiben verfasst, und auf seine Anregung hin wurde in Lippa auch ein Spital errichtet. Mit dem Bau wurde 1410 begonnen, und zehn Jahre später ist das Spital beendet worden.

1426 schloss König Sigismund von Luxemburg mit dem Wojwoden der Walachei Dan II. den „tractatus defensionalis“, ein Vertrag, der die Zuständigkeiten bei der Verteidigung des Banats regelte. Kurz danach hat der König die Stadt von  verschiedenen Abgaben entbunden, aber die Burg soll er zugleich (laut Lippaer Gymnasiallehrer Victor Bleahu) dem Sohn des bulgarischen Zaren geschenkt haben. In den Urkunden jener Zeit bezeichnete man Lippa als „civitas“ (Stadt) oder „oppidum“ (Marktflecken), in der damals ein Kastell und ein orthodoxes Kloster gestanden haben soll. Auf dem Platz des letzteren steht heute die orthodoxe Kirche, die lange Zeit das Bild des ehemaligen Klosters auf seiner Wand gemalt hatte. Dr. Trâpcea vermerkt auch die Existenz eines Franziskanerklosters in der Stadt.

Sowohl Hategan als auch Dr. Trâpcea bekunden, dass Lippa in der Mitte des 15 Jahrhunderts (eigentlich im Jahr 1446) in den Besitz von Johann Hunyadi und seinem Erben übergegangen ist. Der erste Autor spricht von einer Schenkung, der zweite erwähnt einen Ankauf der Festung; Hunyadi soll ihre strategische Bedeutung schon bei seinem ersten Besuch erkannt haben. Bald danach wurde Lippa der Schoimoscher Domäne unterstellt. Chroniken verzeichnen am 24. September 1453 den Besuch Johann Hunyadis in Lippa und belegen 1454 erneut die Existenz des hiesigen Münzamtes. 1455 belegt eine Urkunde den Namen des ersten bekannten Bürgermeisters von Lippa: Thomas der Gerber. Zugleich wurde auch bestätigt, dass zu jener Zeit hier ein typischer Stadtrat fungierte, der aus einem Richter und zwölf Geschworenen bestand. Aus einer Urkunde des Jahres 1463 ist zu entnehmen, dass zur Lippaer Festung auch eine kleine Domäne gehörte, von der man sieben Dörfer einzeln verschenkt hatte. Hategan schätzt die damalige Bevölkerung Lippas auf 500-600 Bürger und etwa 120 Arme, die in 150-200 Wirtschaften gelebt haben sollen. Zahlreiche Namen von Bürgern jener Zeit sind uns überliefert worden.

König Matthias schenkte laut Kraushaar 1462 dem damaligen böhmischen Königsgegner Giskra die Lippaer und Schoimoscher Burgen unter der Bedingung, dass dieser im Dienste des Königs gegen die Türken kämpfe. Nach dem Tod des Königs Matthias, 1490, begann der Kampf um den Besitz Lippas, das noch immer der Schoimoscher Domäne angehörte. Die Adligen wollten die Macht der Krone schwächen, und darum verhalfen sie einem schwachen König auf Ungarns Thron: Wladislaw (Ulászló). Dieser kam bald in den Besitz der zwei benachbarten Burgen. Nach Dr. Trâpcea vermittelte er die Vermählung von Georg Hohenzollern von Brandenburg mit Beatrice Frangepan, der Witwe von Johann Corvinus (Hunyadi). Der Markgraf Georg von Brandenburg kam am 6. Januar 1511 in den Besitz Lippas und von weiteren 252 Dörfern. Er begann gleich mit dem Ausbau der Festung, so dass 1513 laut Hategan zur Festungsgarnison sechs Wachsoldaten (mit einem Sold von 42 Fl.), zwei Wächter (mit 12 Fl.), zwei Köche und ein Bäcker (mit je 4 Fl.) gehörten. Zugleich verschärfte der Markgraf auch die Ausbeutung der Bauern, was dazu führte, dass sich diese 1514 den von Georg Dózsa angeführten Aufständischen anschlossen. Als sich die Aufständischen der Festung näherten, wurden sie auch von den Armen Lippas unterstützt, und so fiel die Festung ohne Schwierigkeiten in die Hände Dózsas. Viele Lippaer Arme kämpften dann in Dózsas Heer weiter bis zur Zerschlagung des Aufstands. Hategan belegt die Existenz der „Armen“ der Stadt als eine soziale Bevölkerungsschicht mit der Ernennung eines „Armen-Richters“. Er zitiert auch eine Urkunde, wonach 1516 hier ein „Jude“ lebte, der nicht lesen und nicht schreiben konnte. Derselbe rumänische Autor schreibt von einem deutschen Reisenden, Hans Derschwam, der Lippa besucht haben soll und dabei vermerkte, dass „dem Marktort auch ein Kastell zugehörte“.

Nach der Niederschlagung des Bauernaufstands kam die Lippaer Festung  (laut Bleahu soll dies 1527 geschehen sein) in den Besitz des siebenbürgischen Fürsten Johann Zápolya und gehörte seiner Familie bis 1551. Durch ein Privileg vom 27. August 1529 ist Lippa zu einer „Königlichen Freistadt“ erhoben worden. Dadurch wurden die Bewohner von bedeutenden Lasten, wie Steuern, Abgaben, Frondiensten, Zoll, u. a., enthoben. Hategan behauptet, dass es in der Stadt in dieser Zeit auch ein Klosterspital gegeben haben soll, das schon früher gegründet, aber erst zu diesem Zeitpunkt dokumentarisch belegt wurde. Er verzeichnet auch mehrere Besuche des Fürsten Zápolya in Lippa, sowohl aus politischen und militärischen Gründen, als auch zur Erholung. Diese fanden in den Jahren 1532, 1534 und 1538 statt. Der genannte Autor erwähnt auch  einige Namen von Stadtbürgern aus jener Zeit: Gregor der Literat, Marco Horváth, Matia Lucach für das Jahr 1535 und Michael Zakoch für 1536, der dem Spital eine Erbschaft hinterlassen hat. Auch der Gelehrte Nicolaus Olahus soll die Gegend bereist und Lippa in seinem Buch von 1537 erwähnt haben.

1540 gehörte die Lippaer Festung mit der Stadt und der Umgebung Isabella, der Witwe des Fürsten Zápolya. Sie hielt sich hier aus politischen Gründen auf, und so ist Lippa zu ihrem „Witwensitz“ geworden. Hier wollte sie, anders als ursprünglich geplant, den Vertrag ihres verstorbenen Gemahls mit Kaiser Ferdinand nun doch erfüllen und Siebenbürgen und das Banat dem Kaiserreich anschließen. Lippa war damals eine starke Festung, die vier Tore hatte: das Temeswarer, das Radnaer, das Innere und das Äußere Tor. Als Burggraf war 1547 Stefan Zabo verzeichnet. Durch die Vermittlung des Temescher Grafen (Comes) Peter Petrovits wurde damals in der Stadt eine reformierte Schule gegründet, deren Lehrer 1548 Christophor und Gregor Lippay waren.

1550 hatte Sultan Suleiman über die Pläne Isabellas erfahren und befahl seinen Handschakbegs aus Ungarn, sich zum Kriege zu rüsten. 1551 überschritt Mohammed Sokolli mit einem aus 80.000 Mann bestehenden Heer die Theiß bei Titel und nahm mehrere Burgen und Festungen ein. Da der Lippaer Garnison die Kavallerie fehlte, schickte der kaiserliche General Giovanni Battista Castaldo zur Verstärkung der Festung Fußvolk und Reiterei aus Siebenbürgen. Die Türken waren aber schon am 8. Oktober 1551 vor den Toren Lippas und begannen um 15 Uhr die Belagerung. Die aus Siebenbürgen zur Hilfe kommenden Truppen wurden vor Lippa in die Flucht geschlagen. Da nun die Lippaer Garnison sich selbst überlassen war, kapitulierte der Burgvogt Joannes Pethö, und so fiel die Festung und die Stadt am 16. Oktober 1551 in die Hände der Türken.

Noch im selben Monat stürmte Sokolli Pascha Temeschburg, und während er unter ihren Mauern weilte (nach Hategan soll er sich mit seinem Heer sogar zum Überwintern nach Belgrad zurückgezogen haben), belagerten die Ungarn unter der Anführung des kaiserlichen Feldherrn Castaldo wieder Lippa. Bei der Schilderung der Rückeroberung Lippas widersprechen sich leider die als Quelle zu diesem Beitrag in Frage kommenden Autoren. Hategan behauptet im Gegensatz zu Kraushaar, dass Lippa nicht von den Ungarn, sondern von den Siebenbürgern zurückerobert wurde, und dass der Befehlshaber der Truppen nicht der General Castaldo, sondern der Kardinal Georgius Martinuzzi (eigentlich: Utješenovic) war, der damals Siebenbürgens Kanzler war. Kraushaar schildert die Rückeroberung Lippas wie folgt: Die Festung wurde von einer Besatzung von 5.000 Türken verteidigt, die von Ulama Pascha angeführt waren. Am 4. November 1551 war die Festung von drei Seiten aus umzingelt und wurde mit schwerem Geschütz beschossen. Nach drei Tagen, am 7. November war die Stadt eingenommen (laut Hategan schrieb Kardinal Martinuzzi, dass er am 8. November die Stadt eingenommen hätte). In dieser Lage zog sich Ulama Pascha mit 1.500 Mann in das „Schloss“ (nach Dr. Trâpcea war es eine innere Burg) zurück und leistete bis zum 16. November Widerstand. Der Türke  erklärte sich an jenem Tag bereit, Lippa und Tschanad aufzugeben, mit der Bedingung, dass man ihm und seinen Leuten freien Abzug gewähre. Dies wurde ihm von General Castaldo zugestanden und „Freitag vor Nikolaus (5. Dezember 1551) um Mitternacht bei hellem Mondschein zog Ulama mit 1.300 Mann aus“. Hategan behauptet indessen, dass „erst am 28. November konnte er (gemeint ist Kardinal Martinuzzi – Anm. von A. Z.) die Eroberung melden“.

Auch der Abzug der Türken ist von den beiden Autoren unterschiedlich geschildert worden. Kraushaar behauptet, dass auf dem Weg nach Belgrad „unweit Temesvar ... wurde er (gemeint ist Ulama Pascha – Anm. von A. Z.) von einer Truppe Ungarn unter der Führung von Franz Horváth angegriffen und dermaßen geschlagen, dass er mit kaum 300 Mann und selbst verwundet nach Belgrad entkam“. Dem wird von Hategan widersprochen, der ein Schreiben vom 8. Dezember 1551 des Beglerbegs Mehmed zitiert, in dem dieser Siebenbürgen Vorwürfe macht, wegen der „unbegründeten Ermordung des Ulama-Paschas“ in ... Lippa. Der rumänische Autor behauptet, dass die Niedermetzelung der Temeschburger Garnison 1552 eine Vergeltung dieser Tat gewesen sein soll.

Laut Hategan soll aus dieser Zeit ein Testament eines Soldaten der Lippaer Garnison, des Adligen Franz Somlyai, erhalten geblieben sein. Er überließ im Falle seines Todes sein Vermögen den Eltern, Geschwistern und Verwandten. Sein „Vermögen“ bestand aus Ausrüstung, Pferden, Zaumzeug, Satteln, Waffen u. a. Aus dieser Urkunde ist die Lebensauffassung der Krieger jener Zeit zu erkennen. Derselbe Autor erwähnt auch einen Augenzeugen jener Tage, und zwar den Söldner und Sänger Paul Speltacher aus Halle, der die damaligen Ereignisse in seinem Lied „Ein schön new lied vom zug auss Sibenbürgen, wie es jezt im sturm vor Lippa ergangen ist“ schildert. Das Lied soll in Nürnberg abgedruckt worden sein. Der Angriff und die Übergabe der Festung soll abgelaufen sein, wie es von Kraushaar beschrieben wurde, aber auch in diesem Lied erscheint als Vertreter Siebenbürgens bei den Verhandlungen mit den Türken der Kanzler-Kardinal Martinuzzi. Da aber ein Gemetzel nach der Kapitulation im Lied nicht erwähnt wird, ist anzunehmen, dass dieses doch bei Temeschburg stattgefunden hat, so dass der Behauptung Kraushaars nicht widersprochen werden kann. Wenn Ulama Pascha wirklich umgekommen ist, so könnte dies nur bei Temeschburg geschehen sein, weil im Lied gar keine Gewalttätigkeiten beim Abzug der Türken aus Lippa erwähnt sind. Was die Zugehörigkeit der Truppen betrifft, müsste man meines Erachtens von folgendem Standpunkt ausgehen: Ungarn war nach der Niederlage von Mohatsch (Mohács) 1526 nur noch ein Rumpfstaat ohne kampffähige Streitkräfte. Siebenbürgen wurde zwar nur von einem Verwalter (Kardinal Martinuzzi) regiert, aber verfügte über ein kampffähiges Heer. Der kaiserliche Feldherr Castaldo kam mit seinen deutschen Söldnern als „Befreier vom Türkenjoch“ nach Siebenbürgen, von wo aus er gegen die Türken zog. So könnte es möglich gewesen sein, dass man sich mit der Zugehörigkeit der Truppen nicht immer im Klaren war.

Laut Dr. Trâpcea soll Lippa von Martinuzzi dem österreichischen Kaiser geschenkt worden sein, dessen Vertreter Aldana die Festung bald wieder den Türken überlassen haben soll, „nicht aus Angst vor den Türken, sondern wegen der Bevölkerung, die die Habsburger hasste“. Über den Hass der Siebenbürger Bevölkerung, einschließlich dem der Siebenbürger Sachsen gegenüber den Söldnern Castaldos schreibt auch Carl Göllner. Anderseits schreibt Hategan, dass nach der Eroberung Temeschburgs im Sommer 1552 die Türken sich wieder gegen Lippa wandten. Der Schreck, der in den Reihen der Lippaer Garnison nach dem Fall Temeschburgs herrschte, war so groß, dass die gesamte Besatzung die Festung fluchtartig verlassen hat. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts blieb Lippa Sitz eines türkischen Sandschaks. Ihm gehörten laut türkischem Steuerverzeichnis 600 Dörfer auf beiden Seiten der Marosch an.

1558 bestand die Lippaer Festungsgarnison aus 225 Mann, davon 22 mit Rang, wie Begs, Agas und anderen. 1590 erhob sich die Zahl der Besatzung auf 229 Mann. 1595 sandte der siebenbürgische Fürst Sigismund Báthory seinen Feldherrn Georg Borbély ins Banat, um hier die von den antiosmanischen Aufständischen den Türken überlassenen Burgen wieder zurückzuerobern. Am 8. Juli nahm das von Borbély befehligte Heer Bokschan ein, und kurz darauf folgte Werschetz. Während der Feldherr gegen Fatschet rückte, wurde er vom neuen türkischen Pascha von Temeschburg angegriffen, konnte den Angriff aber erfolgreich abwehren und das türkische Heer zerschlagen. Die Begs von Tschanad und Gyula fielen auf dem Schlachtfeld, der Befehlshaber von Lippa wurde gefangengenommen, und der Temeschburger Pascha selbst konnte sich nur verkleidet retten. Als Folge dieser Niederlage ergaben sich die türkische Besatzungen der Burgen Schoimosch, Hellburg (auch Schiria oder Világos genannt), Pankota, Nadlak (auch Nagylak), Fenlak, wie auch die der Tschanader und Lippaer Festungen. Im Herbst desselben Jahres sammelten sich in Lippa Freischärler und fielen in das von Türken besetzte Banat ein. 1596 versuchten die Türken die verlorenen Festungen wieder einzuholen und belagerten so im April auch Lippa. Da erschien der siebenbürgische Fürst Báthory selbst mit einem starken Heer und vertrieb die Feinde, wonach er gegen Temeschburg zog. Als Belohnung für ihre Leistungen auf dem Schlachtfeld wurden einige Lippaer und Banater mit Häusern und Baugrund beschenkt, laut Hategan waren es zwischen 1595 und 1616  19 Häuser und 41 Hausplätze. Dabei sollen aus dieser Epoche unzählige Urkunden erhalten geblieben sein, die als Dokumentation für eine ausführliche Ortschronik dienen könnten.

Nach Dr. Trâpcea soll Lippa nach Mai 1595 wieder in die Hände der Osmanen gefallen sein. Hategan behauptet aber, dass im Februar-März 1597 ein Versuch der Türken, wieder Herr über Lippa zu werden, gescheitert sei. Im Juni 1598 soll sogar der Pascha von Temeschburg versucht haben, die Festung zurückzuerobern, was aber mit einer Niederlage für ihn endete. Dafür sind sich Dr. Trâpcea und Hategan einig, wenn es um den Einmarsch des walachischen Wojwoden Michael des Tapferen im November 1599 in die Lippaer Festung geht. Die von Baba Novac angeführten Heiducken zogen im Jahr 1600 dem Wojwoden persönlich entgegen und begleiteten ihn dann in die Moldau.

Der Festungs- und Stadtplan Lippas um 1606-09
Die Zeichnung wurde von Sándor Márki aufgrund der damaligen Urkunden erstellt

Weitere Versuche, Lippa wieder zu erobern, worden von den Temeschburger Paschas 1603 und 1604 unternommen, doch es gelang ihnen nicht, die Festung einzunehmen. Nach Hategan  erneuerte der für sehr kurze Zeit regierende siebenbürgische Fürst Sigismund Rákoczy 1608 das Privileg einer Freistadt für Lippa, welches am 24. April 1611 auch vom neuen Fürsten Gabriel Báthory durch eine Urkunde bestätigt wurde. Nachdem die Türken feststellten, dass sie diese strategisch bedeutende Festung nicht mit Waffengewalt in ihre Hände bringen konnten, forderten sie deren Übergabe vom nächsten Fürsten, von  Gabriel Bethlen. Als dieser aber die Übergabe verzögerte, eroberten die Türken 1614 für eine kurze Zeit die Festung selbst. Am 14. Juni 1616 musste aber Bethlen den türkischen Forderungen nachgeben, und übergab die Festung den Osmanen, und mit ihr auch die gesamte Umgebung. Aus diesem Grund flüchtete ein Teil der Bevölkerung nach Siebenbürgen. Die Türken richteten wieder den Lippaer Sandschak ein; im Amt des hiesigen Begs  wurde 1619 Mehmed Zade und 1626 Abdullah vermerkt. Während der Herrschaft des letzteren bestand die Garnison aus etwa 600 Reitern und 700 Mann Fußvolk. 1636 versuchten siebenbürgische Truppen Lippa wieder von den Türken zu befreien, waren aber zum Scheitern verurteilt. Lippa sollte ein Ausgangspunkt der Osmanen zur Eroberung Siebenbürgens werden.

Erst im Sommer 1658 schlugen die Siebenbürger unter dem Fürsten Georg Rákoczi I. wieder die Türken, doch Lippa blieb weiterhin türkisch. Aus dieser Zeit blieb uns vom türkischen Reisenden Evlya Celebi (Tschelebi) eine genaue Beschreibung der Festung. Danach soll Lippa eine Steinfestung mit einem Umfang von 10.000 Schritten gewesen sein. Die Festung hatte fünf Tore: im Norden das Brückentor, weiterhin das Azapen-Tor, das Tor des Wassers, das Battal-Tor und das Temeschburger Tor. Vor dem letzteren gab es zwei Außentore: das Palisaden- und das Balkentor. Nach dieser Beschreibung soll es in der Festung  1.500 mit Schilf bedeckte Häuser, fünf große und eine kleine Moschee gegeben haben. Es ist aber bekannt, dass Tschelebis Angaben gewöhnlich übertrieben und deswegen nicht glaubwürdig sind. Die Gassen waren mit Balken und Brettern belegt. Übertrieben scheint auch die Zahl der Kaufläden zu sein, die Tschelebi mit 200 angibt. Laut Bleahu soll in dieser Zeit (zwischen 1637 und 1672) der bis heute erhalten gebliebene Bazar errichtet worden sein. Neben der Festung gab es zwei Burgen, die „mittlere“ und die „äußere“, die vom Wasser der Marosch umgeben waren. Die „mittlere“ Burg (als „die Schöne“ betrachtet) war eigentlich ein befestigtes Kastell, in dem die Offiziere und andere Würdenträger in 150 (!?) Wohnungen lebten. Die Mauern dieser Burg waren aus Holz und Erde. Der Bau war nur mit einem Tor versehen, seine fünf Basteien waren mit 15 Kanonen ausgestattet.

Für Lippa dauerte die Friedenszeit bis 1688, als der österreichische Befehlshaber Karl von Lothringen nach Siebenbürgen eilte, um es Österreich zu unterordnen, was ihm auch gelungen ist. Laut Kraushaar nahm er auf dem Weg nach Siebenbürgen Lippa ein. Er machte nach einer dreimonatigen Belagerung im Juni eine große Beute, die aus Artillerie, Ochsen, Pferden und 10.000 Stück Steinsalz bestand. Laut Hategan eroberte der Temeschburger Pascha Hodscha Dschefa 1690 wieder die Marosch-Festung, aber ein Jahr später zogen hier wieder die Österreicher ein. Nach Eugen Glück soll die Lippaer türkische Garnison bei dieser Gelegenheit ihre grüne Fahne mit dem Halbmond und dem Stern an den Kommandant der Sieger, an General Friedrich Ambrosius Graf von Veterani, verloren haben. Dieser schenkte die Fahne der Kathedrale seiner Heimatstadt Urbino (Italien), wo sie auch heute noch ausgestellt ist.

In den Jahren 1694-95 folgten weitere Kampfhandlungen, und am 7. September fiel Lippa wieder in die Hände der Türken. Während der Belagerung wurden die Festungsmauern schwer beschädigt, und in den sechs Tagen der Besetzung sprengten die Türken die Festungsmauern völlig in die Luft. Unterdessen floh die gesamte Bevölkerung aus der Stadt, und damit begann auch die Zeit des Niedergangs für Lippa. Der Rest des Wehrbaus ist 1701 geschleift worden.

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Die Ruinen der Burg und der Festung nach deren Schleifung neben dem heutigen Stadtplan

Über die in Lippa herrschenden Verhältnisse nach dem Karlowitzer Friedensvertrag von 1698 widersprechen sich die beiden sachkundigen Autoren K. Kraushaar und Dr. Th. N. Trâpcea. Der erstere behauptet, dass Lippa mit Karansebesch, Lugosch, Alt-Tschanad, Becse, Becskererk und Kanizsa an Österreich fiel, während der zweite schreibt, dass Lippa bis 1717 unter türkischer Herrschaft geblieben sei.

Eine nachträgliche graphische Wiedergabe der Lippaer Festung ist nur noch von Aurel Eisenkolb angefertigt worden, der sie als einen fünfeckigen Bau darstellte. Die Mauern hatten fünf Tore, und sie waren von einem Wehrgraben umgeben. Im Inneren befand sich eine Burg und der Marktplatz, und außerhalb der Mauern lag die Stadt Lippa.

Heute ist von der späteren türkischen Festung nichts mehr zu sehen, aber Dr. Trâpcea behauptet, dass in Bodenhöhe noch Reste der Festungsmauern zu erkennen wären. Franz Engelmann ortete 1968 noch einen „verwitterten, klobigen Turmstumpf“, der „mitten im dichten Wald“, auf einem Höhenzug schräg gegenüber der Schoimoscher Burg vorhanden sein soll. Laut Bleahu sollen aber auch in den Gärten der Häuser aus der heutigen Matei Corvin- und Mihai Viteazu-Straßen noch immer Mauerreste der Burg als Steinklumpen vorzufinden sein.

Juni 1992                                                                                                            Anton Zollner