Die Temeschburger Festung unter den Corvins (6)

Die Türkengefahr bedrohte immer mehr das christliche Europa, und darum musste König Wladislaw I., der Nachfolger Albrechts II. und Bruder des polnischen Königs Kasimir II., seine Sorgfalt dem Temescher Gebiet zuwenden. 1441 ernannte er Johann Hunyadi (Corvinus), eigentlich Iancu de Hunedoara, zum Temescher Comes und Kapitän von Belgrad (laut Dr. Iliesiu zugleich Severiner Banus).

Laut Antal Pór soll Johann Hunyadi das uneheliche Kind einer siebenbürgischen Walachin gewesen sein. Sein Vater soll König Sigismund selbst gewesen sein. Der Name Corvin (Corvinus) stammt nach Pórs Angaben aus folgendem Geschehnis: Sigismund gab der schönen Walachin einen Goldring als Erkennungszeichen. Sie heiratete aber einen anderen Mann, und gleich nach der Hochzeit kam Iancu zur Welt. Als eines Tages die Mutter und das Kind im Freien saßen, kam ein Rabe geflogen und stahl ihr den Ring. Ihr Gatte erschoss daraufhin den Raben und gab dem Kind den Ring zurück. Der Knabe wuchs, und als er eines Tages den Ring König Sigismund überreichte, beschenkte ihn dieser mit mehreren Burgen und Dörfern. Der Rabe fand so seinen Platz auf dem Familienwappen, und Iancu erhielt den Nachnamen Corvin. Den Namen Hunyadi (rumänisch: Hunedoara) erhielt er von der Burg mit demselben Namen, in deren Besitz er war.

Johann Hunyadi (1408-56)

Hunyadi, der berühmteste Krieger seiner Zeit, folgte im Amt des Temescher Obergespans (Comes) Nilolaus Ujlaky. 1443 zog Hunyadi gegen die Türken, und in den Bergen des Balkans schlug er sie bis nach Sofia zurück.

Am 5. Juni 1443 wurde Temeschburg von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Sowohl das Kastell als auch die Mauern der Festung wurden durch die Erdstöße stark beschädigt und teilweise sogar zerstört. Nach der Rückkehr Hunyadis von seinem Feldzug gegen die Türken ließ er das Kastell und die Festungsmauern wiedererrichten. Bei dieser Gelegenheit passte er die Wehrbauten der von der Erfindung des Schießpulvers veränderten Kriegstechnik an. Die alten Wurfmaschinen wurden durch Kanonen ersetzt.

Franz Liebhard behauptet, das das vom Erbeben stark beschädigte Anjou-Kastell abgetragen und das neue Hunyadi-Kastell quer zu dem Grundriss des Karl-Robert-Kastells aufgestellt wurde. Er äußert auch die Vermutung, dass die Grundmauern des letzteren vor dem heutigen Banater Museum in 5 bis 6 Meter Tiefe noch vorhanden wären. Laut Dr. Nicolae Iliesiu und István Berkeszi ist das neue Kastell, das an der Stelle der des Karl-Robert-Kastells erbaut wurde, mit mehreren Basteien und Kanonen ausgerüstet worden. Es war auch mit drei Toren versehen, einem im Osten, einem im Westen und einem im Norden. Die Bauarbeiten am Kastell dauerten laut Mihai Opris von 1443 bis 1447 und wurden vom Architekten Paolo Santini da Duccio angeführt. Der so errichtete zweistöckige Bau diente Johann Hunyadi als Wohnung.

Das von Johann Hunyadi erbaute Kastell in der Zeit vor seiner Zerstörung 1849.
1727 wurde es renoviert, nachdem es während der Belagerung 1716 beschädigt worden war.

Die neuen Festungsmauern wurden im Norden und Nord-Osten mit Wehrtürmen versehen. Davor hatte man doppelte Wassergräben ausgegraben. Im Süden und im Westen, wo die Festung an die Sümpfe der Kleinen Temesch stieß, hatte man Eichenpalisaden errichtet. Von der alten Anjou-Festung blieben nur die Grundsteine und der Wasserturm erhalten. Die Hunyadi-Festung hatte vier Tore: das Siebenbürger Tor, das Lippaer (Praiko-) Tor, das Arader Tor und das Wasserturm-Tor. Die neuen Festungsmauern schlossen auch die sogenannte „Stadt" (die aber noch keine war) ein, sie verliefen entlang der heutigen Marasesti-, Eugeniu-de-Savoya- und Bocsa-Straße, südöstlich entlang der späteren Siebenbürger Kaserne, und im Süden umkreisten sie das heutige Banater Museum (Hunyadi-Kastell). Mit Palisaden, Erdwällen und Wassergräben verstärkt waren laut Dr. Iliesiu auch die beiden Vororte: die Große Palanka auf dem Gebiet der heutigen Fabrikstadt und die Kleine Palanka an der Stelle, wo heute die Mechanik-Fakultät, besser als „alte Politehnica" bekannt, in der Elisabethstadt steht. Laut Liebhard wurde das für den Wehrbau benötigte Steinmaterial aus den Werschetzer Bergen gebracht, Sand und Kies schaffte man aus Lippa bei, und das nötige Holz kam aus den naheliegenden Wäldern. Als Arbeitskräfte dienten die auf das Gebiet der heutigen Fabrikstadt angesiedelten Walachen und Serben (Raizen).

Johann Hunyadi hatte das Amt des Temescher Comes bis 1446 inne. In der Zeit, als er Fürst von Siebenbürgen war, verlegte er seinen Sitz nach Klausenburg (heute: Cluj). Da König Wladislaw I. am 13. November 1444 bei Warna als Folge einer mit Hunyadi erlittenen Niederlage ums Leben kam, wurde der siebenbürgische Fürst zum Reichsverweser (vicarius generalis et gubernator) Ungarns ernannt, und zwar stellvertretend für den minderjährigen Sohn Albrechts II., Ladislaus Posthumus. Bei dieser Gelegenheit brachte er 1447 zu Mariä Himmelfahrt seine Frau Elisabeth Szilágyi und seine Söhne Ladislaus und Matthias von Klausenburg wieder nach Temeschburg zurück. 1448 erlitt Hunyadi auf dem Amselfeld gegen die Türken erneut eine Niederlage, dabei wurde er in Semendria (heute: Smederevo) vom serbischen Herrscher Georg Brankovic gefangengenommen und dem Sultan Murad II. ausgeliefert.

Da infolgedessen die ungarischen Adligen Brankovic mit dem Krieg drohten, befreite dieser Hunyadi unter der Bedingung, dass Sohn Matthias die Tochter Ulrichs von Czilley eheliche, und dass Sohn Ladislaus als Geisel überlassen würde. Hunyadi willigte ein und traf so am 24. Januar 1449 in Temeschburg ein. Francesco Griselini widerspricht diese von Dr. Iliesiu geschilderte Befreiung Hunyadis und behauptet seinerseits, dass dieser bei seiner Gefangennahme von den Türken nicht erkannt wurde, einem seiner Wächter den Dolch entriss, mit dem er diesen tötete und dann in türkischer Kleidung floh.

Hunyadi hatte seinen Sitz bis 1453 in Temeschburg, als er sein Amt als Reichsverweser niederlegte und Ladislaus V. Posthumus den Thron Ungarns bestieg. 1455 versteigerte Ladislaus V. die königliche Festung (Burg) Temeschburg an Johann Hunyadi, dem er am 8. August 1455 auch die Besitzurkunde übergab. Dr. Iliesiu erwähnt eine weitere Urkunde vom 7. April 1456, in der bestätigt wird, dass der König die Temeschburger Festung für 20.000 fl. an „Ioannis Corvin de Hunyad" übergeben hatte. Von da an blieb sie im Besitz der Corvins bis 1490. Hunyadi blieb aber auch weiterhin der wichtigste Militärstratege Ungarns, was ihm den Neid vieler Adliger einbrachte. Ulrich von Czilley, der einen großen Einfluss auf den unerfahrenen König ausübte, wurde sein größter Gegner. Aus diesem Grund verließ Hunyadi den Königshof und kehrte zu seiner Familie nach Temeschburg zurück.

Johann Hunyadi war laut Berkeszi am 22. Juni 1456 zum letzten Mal in Temeschburg. An diesem Tag zog er von hier gegen die Türken, die mit etwa 200.000 Mann Bulgarien und Serbien überfallen hatten. Laut Karl Kraushaar erschien Sultan Mohamed II. am 13. Juni 1456 mit 150.000 Mann und 300 Kanonen vor Belgrad. Nach vielen Anfangsschwierigkeiten besiegten die Christen die Osmanen. Diese Schlacht wurde zum größtem Triumph für Hunyadi, sie war aber auch zugleich sein letzter Feldzug. In Semlin ergriff ihn die Lagerseuche, an der er am 11. August 1456 starb.

Laut Johann Nepomuk Preyer bekleideten 1456 Ladislaus Hunyadi und Michael Szilágyi das Amt des Temescher Comes. Nach dem Tode Johann Hunyadis, brach zwischen der Hunyadi-Familie und Czilley ein heftiger Streit aus, in dem auch der König auf Seite Czilleys hereingezogen wurde. Bei einem Besuch des Königs Ladislaus V. in Belgrad erfuhr Ladislaus Hunyadi, dass er durch die Intrigen Czilleys bei dieser Gelegenheit umgebracht werden sollte. Aus diesem Grund tötete er Czilley und stellte sich danach dem König. Ladislaus V. verzieh ihm den Tod seines Oheims nur zum Schein und besuchte auf dem Weg nach Ofen (Buda) die Hunyadis in Temeschburg. Johann Hunyadis Witwe, Elisabeth Szilágyi erwartete den König vor dem Tor des Kastells, wo sie vor ihm auf die Knie fiel und ihn um Verzeihung und Gnade für ihre Söhne anflehte. Am 23. Oktober 1456 schwor der König in der Temeschburger Schlosskapelle während der heiligen Messe beim Evangelium, dass er den Hunyadis verziehen habe und dass er den Tod Czilleys nicht rächen würde. Im Anschluss daran empfing er mit Elisabeth und ihren beiden Söhnen die heilige Kommunion. Danach begab sich der König, begleitet von den beiden Hunyadi-Söhnen nach Ofen, wo er sie auf Anraten des Palatins Nikolaus Garai gefangen nehmen ließ. Ladislaus Hunyadi wurde am 16. März 1457 ohne Anhörung seiner Verteidigung zum Tode verurteilt und in Ofen auf dem Georgplatz enthauptet. Matthias Hunyadi wurde in Ofen, Wien und schließlich Prag in Gefangenschaft gehalten. Das brachte Ungarn an den Rand des Bürgerkrieges, der aber durch den Tod Ladislaus' V. Posthumus, der am 23. November 1457 in Prag eintrat, vereitelt wurde.

Von Temeschburg ging dann die Bewegung aus, deren Ziel es war, Matthias Hunyadi die ungarische Krone zu sichern. Der Partei der Hunyadis schloss sich auch die Familie Szent-Miklosy an, und so gelang es Michael Szilágyi, dass sein Neffe Matthias am 24. Januar 1458 zum König Ungarns ausgerufen wurde. Erst jetzt wurde er aus seiner Prager Gefangenschaft freigelassen, die ungarische Krone erhielt er aber erst Ende Juli 1463 von Kaiser Friedrich. Im November 1458 besuchte er nun als König Temeschburg und verweilte einige Tage im Kastell, in dem er seine Kindheit verbrachte.

1462 verwüstete der Pascha Alibeg von Semendria die benachbarten Gegenden. Als aber Matthias in den Besitz der Königskrone kam, zog er noch im Juli 1463 mit seinem in Futak stationierten Heer gegen die Türken, die eben Syrmien plünderten. Er befreite 17.000 Gefangene und verfolgte die Eindringlinge durch Serbien. Laut Dr. Iliesiu und Griselini soll Alibeg damals bis vor die Mauern der Temeschburger Festung vorgedrungen sein. Nach diesen Autoren hatte der siebenbürgische Fürst Johann Pongrácz mit seinem Szekler Heer die Türken von hier bis Semendria vertrieben.

1476 drangen die Türken unter der Führung Alibegs erneut bis Temeschburg vor, wo sie aber vom Heer des Temescher Comes Ambrosius Nagy wieder geschlagen wurden. Einer der Männer des Comes ist in dieser Schlacht als hervorragender Krieger besonders aufgefallen: Paul Kinizsy. Zwei Jahre später, 1478, hatte ihn der König zum Temescher Comes ernannt, er hatte dieses Amt bis 1494 inne. Als weitere Comes aus jener Zeit gab J. N. Preyer folgende Personen an: Gregor Labatlan (1459), Georg Orbonas und Stefan, der Sohn Pousas (1460), Stefan Socoli (1464)und der oben erwähnte Ambrosius Nagy (1476). Die Siedlung, die nördlich von der Temeschburger Festung entstanden war, trug von 1342 bis zu dieser Zeit die Bezeichnung "oppidum", also Marktflecken. Laut Franz Liebhard ist Temeschburg 1475 in einer Urkunde erstmals als "civitas" - also Stadtgemeinde - erwähnt worden, und die Stadt lag jetzt innerhalb der Festungsmauern.

Paul Kinizsy, der Sohn eines Müllers, war laut Kraushaar von seinen Zeitgenossen als der ungarische Herkules bezeichnet worden. Mit seiner außerordentlichen Kraft „trieb er manchmal allein seines Vaters Mühle, hob ein volles Eimerfass frei zu seinem Mund, hielt einen gerüsteten Streiter mit den Zähnen empor, nahm einen Mühlstein auf die Schulter und trug ihn fort, usw.". In den Schlachten gegen die Türken focht er gewöhnlich mit zwei Schwertern und zeichnete sich dabei so aus, dass er zum Befehlshaber befördert wurde. König Matthias übertrug ihm bald auch das Amt des Severiner Banus. Als südlicher Grenzhüter Ungarns erlangte er auch den Titel des „Generalkapitäns".

Alibeg, der Pascha von Semendria, überfiel 1479 mit 40.000 Mann Siebenbürgen. Der siebenbürgische Fürst Stefan Báthory rief Kinizsy zu Hilfe, und es gelang beiden trotz ungleicher Streitmacht 30.000 Türken zu töten, der Rest der Angreifer flüchtete in Panik. Griselini schildert die darauffolgende makabre Siegesfeier. Die blutigen Leichen der Türken wurden zu Tischen aufgestapelt, auf denen man das Abendmahl auftrug. Danach wurde gesungen und getanzt. Als Kinizsy an die Reihe kam, nahm er, zum Staunen seiner Soldaten, beim Tanz die Leiche eines starken Türken zwischen die Zähne.

König Matthias ließ Kinizsy auch weiterhin in allen seinen Ämtern, aber zugleich ernannte er ihn auch zum Oberbefehlshaber des ungarischen Heeres, das außerhalb des Temescher Komitates dienen sollte. So verließ Kinizsy im November 1482 Temeschburg mit 30.000 Mann, um bei Horom die Donau zu überqueren. Er schlug die Türken weit nach Serbien zurück. Während dieses Feldzugs errang Kinizsy auch den Sieg vor der Golubatscher Burg. Aus diesem Feldzug kehrte er auch mit 25.000 Serben, die sich vor den Türken fürchteten, zurück und siedelte sie bei Temeschburg an.

Gewöhnt mit seinen ununterbrochenen Siegen auf dem Schlachtfeld, fühlte sich Kinizsy sehr betroffen, als König Matthias 1483 mit Bajasid II. einen Waffenstillstand schloss und ihn 1488 um weitere drei Jahre verlängert hatte. Während dieser Friedenszeit sorgte Kinizsy für die Verbesserung des Zustandes der Wehrbauten in dem Gebiet, das ihm unterstellt war.

Am 6. April 1490 verstarb nach einem schrecklichen zweitägigen Todeskampf einer der größten Könige Ungarns. Die Herrschaft der Corvins über Temeschburg ging zu Ende, aber für den Ruhm dieser Festung sorgte noch einige Jahre Paul Kinizsy, der von den Rumänen Pavel Chinezu genannt wurde.

Fortsetzung                                                                                                                         Anton Zollner