Die Belagerung und der Fall Temeschburgs (10)

Durch die Niederlage von Mohatsch (Mohács) verlor Ungarn seine Rolle als militärische Macht, und das Land wurde sogar politisch aufgeteilt. Der südliche Teil des Landes befand sich unter osmanischer Herrschaft, während das von Ferdinand I. regierte westliche Restungarn von Österreich beansprucht wurde. Siebenbürgen und das Banat galten zwar als autonom, befanden sich aber ständig unter dem Einfluss der Türken, oder wie 1551, der Österreicher. Als aber die kaiserlichen Truppen unter General Castaldo nach Siebenbürgen eindrangen, reagierten die Osmanen mit Einfällen ins Banat.

Temeschburg galt vor der türkischen Belagerung als eine der stärksten Festungen. Angreifen konnte man sie nur aus dem Norden und von Westen. Die anderen Seiten befanden sich im natürlichen Schutz der Sümpfe der Kleinen Temesch. Nach den Beschreibungen der damaligen Historiker bestand Temeschburg in jener Zeit aus drei Teilen: der Burg (oder dem Kastell), der „Stadt" und der „Insel" (die Kleine Palanka). Außerhalb der Festungsmauern befand sich die Große Palanka. Zwischen dem Kastell und der „Stadt" befand sich der Wasserturm, der wichtigste Wehrbau de Festung. Durch diesen führte auch der Weg, der das Kastell mit der „Stadt" über eine Brücke verband. Das Hunyadi-Kastell war von festen Mauern und Wassergräben umgeben. Mit „Stadt" wird hier das Wohngebiet Temeschburgs bezeichnet, da dieses seit etwa 1475 vom Marktflecken zur Stadt erhoben wurde.

Zeitgenössische Darstellung eines türkischen Reiters

Nach dem Abzug der Türken vor Temeschburg im Oktober 1551 entflammten erneut die Zwistigkeiten mit dem Temescher Comes Losonczy. General Castaldo berichtete am 8. Januar 1552 Ferdinand I., dass Losonczy neben Temeschburg auch andere Burgen, wie Lugosch, Karansebesch und Lippa unter seinen Befehl stellen wolle. Zwölf Tage später ließ er Ferdinand I. wissen, dass Losonczy ein guter Festungskommandant wäre, aber kein guter Heeresführer auf dem Schlachtfeld. Dafür sei er zu intolerant, und er quäle nicht nur den Feind, sondern auch sein eigenes Heer. Als Folge dieser wiederholten Meldungen verlor Losonczy sein Amt. Zu den neuen Festungskommandanten wurden laut Dr. Iliesiu Benedikt Kosar und Franz Deli ernannt, die aber nach kurzer Zeit abtreten mussten, weil sie die Lebensmittellager der Festung plünderten. Im Februar 1552 wurde General Aldaña zum Festungskommandanten ernannt. Dieser sollte mit 2.500 Gulden die Festungsmauern verstärken. Am 30. März ist wieder Losonczy zum Comes und zum Generalkapitän aller Südbanater Burgen ernannt worden, aber seine Ämter konnte er erst Ende Mai wieder übernehmen. Kaum war er wieder im Amt, da begannen die Zwistigkeiten von neuem. Diesmal beschwerte sich Losonczy, dass Aldaña das erhaltene Geld veruntreut habe und dieFestung statt 750 Reiter nur über 400 verfügte, und die hätten ihren Sold seit vier Monaten nicht erhalten.

Alle diese Kabalen fanden zum ungünstigsten Zeitpunkt statt. Trotz einiger Verstärkungen der Mauern, blieben viele wichtige Arbeiten unverrichtet, kurzfristig gelang es noch, vor der Kleinen Palanka zwei Wassergräben zu graben. Dazu kam der Festung auch aus den nahegelegenen Burgen Hilfe. Mit diesen verfügte Losonczy über 2.310 Mann (nach Berkeszi nur 2.210, aber nach Griselini sogar 2.500), die die Festung verteidigen sollten. Im Juni 1552 überschritten die Osmanen unter Achmed Pascha die Donau, und am 24. Juni stand ein Vorhut von 1.500 Reitern unter den Mauern Temeschburgs. Losonczy begab sich noch außerhalb der Festung, um Lebensmittel und militärische Hilfe anzuschaffen. Bei seiner Rückkehr konnte er aber nur noch auf Umwegen und im Schutze der Dunkelheit in die Festung gelangen.

Am 28. Juni kam Achmed Pascha mit seiner Hauptmacht an, und mit 16.000 Mann begann er gleich die Festung zu belagern. Sie umzingelten Temeschburg von allen Seiten und begannen anfangs die nördliche und östliche Tore, wie auch die nördliche Mauer mit schweren Kanonen zu beschießen. Trotz heldenhaften Widerstands mussten die Verteidiger die „Insel" verlassen und die Häuser anzünden. Nachdem die Türken die „Insel" besetzt hatten, beschossen sie auch von hier aus die Festung. Die Mauern wurden schwer beschädigt, und Losonczy verlangte von General Castaldo dringende Hilfe. Am 3. Juli gelang es den Osmanen, sich den Mauern zu nähern, und sie versuchten durch Schusslöcher in die Festung einzudringen. Die Verteidiger Temeschburgs schlugen nach schweren Kämpfen die Türken zurück, aber am 6. Juli versuchten diese wieder, die Mauern zu stürmen und zerstörten dabei die nördlichen Wehrbauten. Einem weiteren Hilferuf konnte General Aldaña, der sich bei Lippa befand nicht folgen, was die Verteidiger stark entmutigte. Dazu begann auch das Wasser der Kleinen Temesch zu sinken, und die Sümpfe fingen an zu trocknen. Da ließ Achmed Pascha Bretter legen, und den Türken gelang es auf diese Weise, die Mauern zu erreichen. Am 12. Juli eroberten sie auch die nördlichen Erdwälle. Bald kam auch eine kleine Insel in ihre Gewalt, und so konnten sie sich dem Wasserturm nähern.

Bald ging aber den Türken wegen der ständigen Beschießung das Schießpulver aus, und Achmed Pascha wollte schon die Belagerung aufgeben. Da kam überraschend am 19. Juli ein Transport mit Schießpulver an, und die Schießerei fing wieder von vorne an. Die Belagerten warteten aber umsonst auf Hilfe. Eine Verstärkung von 500 Mann, die aus Arad kam, wurde noch vor Temeschburg von den Belagerern aufgehalten. Am 24. Juli erstürmten die Osmanen laut Kraushaar fünf Stunden lang die Festung, was 3.000 Türken das Leben kostete. Aber auch in den Reihen der Belagerten beklagte man immer mehr Tote. Bald wurde nach heftigen Kämpfen auch das am besten befestigte Bollwerk, der Wasserturm, von den Türken eingenommen, was das Los Temeschburgs besiegelte. Losonczy war nun gezwungen, sich mit seinen Leuten in das Kastell zurückzuziehen.

Laut Kraushaar forderte Achmed Pascha am 27. Juli Losonczy auf, sich mit seinen Leuten zu ergeben und gewährte ihnen dafür freien Abzug. Losonczy lehnte dies ab, aber seine Leute hielten es für sinnlos, sich in dieser verlorenen Schlacht aufzuopfern. Schließlich verließen die Kranken und Verwundeten, gefolgt von Stefan Losonczy mit seinen Ungarn und Spaniern (laut Kraushaar) am 30. Juli 1552 die Temeschburger Festung durch das Lippaer Tor. Dr. Iliesiu und Berkeszi datierten den Abzug auf den 27. Juli. Über den weiteren Verlauf der Geschehnisse sind sich die Autoren nicht einig. Dr. Iliesiu schreibt von einem Großangriff auf die abziehende Besatzung nach einem Kanonensignal. Kraushaar, Berkeszi und Griselini berichten aber von einer Provokation, die Achmed Pascha erlauben sollte, sein unter Eid gegebenes Versprechen zu brechen. Die Türken sollten anfangs ungarische Jünglinge, darunter Losonczys Schützling Tomory, aus der Kolonne gerissen haben. Als Losonczy dies sah, entriss er einem Türken das Schwert, was eine schreckliche Schlacht auslöste. Der Comes fiel bald verwundet in die Hände der Türken, die ihm nach Kraushaar „als Vergeltung für Lippa" das Haupt abschlugen. Den ausgestopften Kopf schickte dann Achmed dem Sultan als Zeichen, dass Temeschburg gefallen sei. Mit Losonczy wurde die gesamte Besatzung abgeschlachtet.

General Aldaña wurde nach dem Fall Temeschburgs für schuldig befunden, Losonczy keine Hilfe geleistet zu haben und infolgedessen zum Tode verurteilt. 1556, als er sich noch immer im Gefängnis befand, wurde er begnadigt. Für Temeschburg und das Banat aber folgte die 164-jährige Türkenherrschaft, die nur noch Tränen, Schrecken und Not über die Bevölkerung brachte.

Fortsetzung                                                                                                                Anton Zollner