Temeschburg während der Türkenherrschaft (11)

Nach dem Fall Temeschburgs verwandelten die Osmanen das Banat in eine türkische Provinz. Temeschburg wurde zum Sitz eines "Vilâyet"-s (Wilajets), an dessen Spitze der Beglerbeg (Schlossvogt) Casim Pascha stand. Seinem Rang entsprechend trug er zwei Rossschweife. Das Wilajet war in mehrere Sandschaks, wie Temeschburg, Tschanad, Betschkerek, Pantschowa, Orschowa, Tschakowa, Lippa und andere unterteilt, an deren Spitze ein Beglerbeg mit einem Rossschweif stand.

Über das von den Türken besetzte Temeschburg, berichtet ausführlich Dr. Nicolae Iliesiu in seiner „Historischen Monographie - Temeschburg". Die Festung befand sich in jener Zeit in einem sehr schlechten Zustand, da die Mauern durch Kanonenschüsse sehr beschädigt waren. Casim Pascha begann gleich mit den Reparaturen, wofür er Walachen aus den benachbarten Dörfern zur Zwangsarbeit zusammentrieb. Die Kirchen der Stadt waren bald zu Moscheen umgebaut worden. Über das Stadtbild weiß man, dass es damals noch keine mit Steine ausgelegte Gassen gab. Im besten Fall war der Gassenmorast mit Brettern abgedeckt. Deshalb herrschte auf den Gassen sehr viel Schmutz. Die Häuser waren meistens aus Holz errichtet. Die wenigen Häuser aus Ziegel waren im orientalischen Stil gebaut. Laut Dr. István Berkeszi sollen aus Ziegel nur die Bethäuser, der Pulverturm, die Mühle und einige Verwaltungsgebäude gewesen sein. Es soll in Temeschburg in jener Zeit auch sieben Schulen für Kinder und eine Oberschule gegeben haben. Auf der letzteren hatte man Astronomie, Mathematik, Medizin, Recht und Philosophie gelehrt.

Zur türkischen Verwaltung gehörten auch die Steuereintreiber. Dieses „Finanzamt", „Khazine" genannt, dem der „Defterdar" vorstand, war auch der Besitzer eines Fünftels der Güter der besetzten Gebieten. Der Rest von vier Fünftel ist der angesiedelten türkischen Bevölkerung zugeteilt worden. Als Gegenleistung dafür mussten die Männer beim osmanischen Heer dienen. Die Steuern wurden in den einzelnen Distrikten vom „Hasnadar" (Haupteinnehmer) eingetrieben, die er dann in Temeschburg abliefern musste. Dabei hatte jedes Dorf auch einen „Sardar" (Kassier), der zugleich auch die Funktion des Schulzen innehatte. Die Abgaben bestanden aus einer sehr hohen Kopfsteuer auf Mensch und Nutzvieh.

Der höchste Richter der Provinz, der „Hakimserija", hatte seinen Sitz in Temeschburg. Zivile und religiöse Klagen wurden vom „Kadi" gerichtet, die administrativen vom „Mufti". Das geringste Vergehen wurde auf grausamste Art bestraft. Vor Gericht hatte ein Christ keine Chance, Recht bekamen nur die Türken. Der Festungskommandant trug den Namen „Hakim". Zum Glaubensapparat gehörte auch der Hohepriester „Nakib-el-Esraf". Diesem unterstanden der „Chatib", der „Imam" und der „Muezin" (Gebetsrufer).

Der größte Teil der Temeschburger Bevölkerung (Ungarn, Walachen und Serben) waren vor den Türken geflüchtet. Wegen der vielen Raubzüge der neuen Landesherren in den nahegelegenen Dörfern flüchteten bald auch die Dorfbewohner. Langsam verwandelte sich das Banat in eine öde und entvölkerte Landschaft. Laut Dr. Iliesiu sollen die Türken den christlichen Glauben geduldet haben, Kirchen ließen sie aber nicht zu, die Kirchtürme waren sogar verboten. Während der Türkenherrschaft sollen es nach J. H. Schwicker sogar zwei orthodoxe Bischöfe in Temeschburg und Karansebesch gegeben haben. Zugleich gab es in der Festung auch einige bosnische Franziskaner und später Jesuiten, sowie auch einige Juden.

Temeschburg war aber laut Mihai Opris auch in der Türkenzeit ein Handelszentrum geblieben. Es bestanden Handelsbeziehungen mit dem Osmanischen Reich, mit Siebenbürgen, mit der Walachei, aber auch mit Italien und Norddeutschland. Es sollen in der Stadt nicht nur Schneider, Schuster oder Schmiede, sondern auch Gold- Silber- und Waffenschmiede und sogar eine „Schießpulvermühle" gegeben haben. Weil der Wasserturm zusammengeschossen war, entnahm man das nötige Trinkwasser aus der Kleinen Temesch. In diesen Fluss warf man zugleich auch den gesamten Unrat hinein.

Um die Jahre 1642 und 1643 soll die Festung wieder befestigt worden sein, und zwar von einem in Gefangenschaft geratenen deutschen Architekten. Nach Opris soll Andrea Cornaro aus Kreta die Wehrbauten sogar erneuert und einen Arm der Kleinen Temesch durch Temeschburg kanalisiert haben.

Eine ausführliche Beschreibung der Temeschburger Festung jener Zeiten stammt aus dem Jahre 1660 vom türkischen Reisenden Evliya Çelebi (Tschelebi). Dieser schreibt: „Tamisvar liegt in den Morästen des Tamis-Flusses, wie eine Schildkröte im Wasser. Ihre vier Beine sind die vier großen Basteien, das innere Burgkastell aber ist ihr Kopf. Ihre Gestalt ist fünfwinklig. Weder Ziegel noch Steine sind darinnen, weil es eine aus dicken, mit geflochtenen Zäunen bekleideten Eichenstämmen errichtete Feste ist. Der geschickte Baumeister machte diesen Zaun aus Wildreben, überzog sie mit Gips und Kalk, so dass eine weiße Burg entstanden ist. Die Mauerdicke beträgt fünfzig Fuß, an manchen Orten sogar sechzig. Ringsherum ist ein tiefer Graben, und an drei Stellen gibt es auf die Festungsgräben blickende Wachzimmer. Allabendlich spielen neun Musikkapellen und alle Wachposten rufen sich die Nacht über von Zeit zu Zeit: 'Allah akbar!'. Die Festung hat keine Schießluken und keine Verteidigungstürmchen, wohl aber viele Kanonenscharten. Im ganzen gibt es 200 schöne Kanonen. Die Zahl und Menge des in der Festung aufbewahrten Kriegsgerätes sowie der Futter- und Lebensmittel kennt nur der erhabene Gott. Auf den Wällen kann die Festung in einer Stunde umgangen werden."

Aufgrund derselben Quelle soll Temeschburg damals fünf Tore gehabt haben, zwei davon, eines im Süden und eines im Osten, trugen denselben Namen „Azab". Dazu kamen noch die Tore des Hahns (das seinen Namen von dem auf ihm befindlichen Wetterhahn bekommen hat) im Norden, des Wassers und des Ufers. Oberhalb der Tore wurden Verse aus dem Koran angebracht. Im Kastell wohnten der Festungskommandant und die islamischen Geistlichen. Der Pascha verfügte über das größte und höchste Gebäude der Festung.

Temeschburg (Thomös War) um das Jahr 1650 (nach einer Zeichnung von Franz Wathay)
Links das Hunyadi-Kastell (Az War), in der Mitte die Stadt (Waras)
und das größte Gebäude im Hintergrund ist das Haus des Paschas (Bassa haza)

Die Stadt soll aus 1.200 Häusern bestanden haben, in den Vorstädten soll es weitere 1.500 gegeben haben. Wie es scheint, übertrieb Çelebi auch hier mit seiner Einschätzungen, was auch die Meinung Opris's ist. Die Stadt soll aus vier Wohnbezirke bestanden haben und die Vorstädte sogar aus zehn. Diese hatten je eine Moschee, in der Stadtmitte stand die Große Moschee. Auf der Südseite des heutigen Freiheitsplatzes (Piata Libertatii) befand sich der Bazar. Von den vier Bädern jener Zeit befand sich eines auf der Nordseite desselben Platzes und zwei weitere bei den Toren des Wassers und des Ufers. Çelebi bestätigt auch die Existenz der sieben Schulen für Kinder. Er schreibt auch von drei Herbergen und 400 (?!) Geschäften, die es im türkischen Temeschburg gegeben haben soll.

164 Jahre dauerte das Türkenjoch im Banat, und aus Temeschburg wurde von einer der blühendsten und wohlhabendsten Städte Ungarns ein verwahrlostes Türkennest, in dem einer der vier Beglerbegs auf ungarischem Boden im Zeichen des Halbmondes grausam herrschte.

Fortsetzung                                                                                                       Anton Zollner