Die Kapitulation der Türken (14)

Nachdem die weiße Fahne als Zeichen der Kapitulation von den Türken auf den Festungsmauern gehisst wurde, begannen die Verhandlungen. Im kaiserlichen Lager erschienen Achmed Aga, der Festungskommandant und Melek Ibrahim Effendi (nach Dr.
Iliesiu - Griselini schreibt von einem Ali Effendi). Während der Verhandlungen mussten im türkischen Lager die Grafen von Wallis und Filippi verweilen. Es wurden die „Capitulations-Puncten der Türcken in Temeswar und welcher gestalt selbige der Printz Eugenius angenommen" ausgehandelt. Diese hatten folgenden Wortlaut (mit der damaligen Schreibweise) aufgezeichnet in der „Ausführliche(n) Beschreibung des Ungarischen Feld-Zugs, Anno 1716" (erschienen im Nürnberger Johann Albrecht Verlag):

„I. Uns mit allen unsern Weibern und Kindern soll alles was in unsern Häusern an Effecten sich befindet; wie auch alle Wägen und Pferde und anders Vieh zu Fortbringung unserer anderer Haab und Güter völlig verbleiben und uns dergestalt ein freyer Abzug verstattet werden daß weder unserer Nation, noch auch anderen Personen wer die seyn mögen kein Überlast noch Schade oder Beleidigung wiederfahren zu lassen gestattet werden möge.

 - Ist gewilliget ausgenommen die Deserteurs.

II. Undt daß so wohl den Einwohnern als der Militz zu Ross und Fuss mit ihrem Ober- und Unter-Gewehr samt Fahnen und klingenden Spiel abzu ziehen nicht verwehret werde: sondern von dem Tage des Ausmarsches soll der Marsch aus Temeswar gerade nach Belgrad in 8. March Stationen gegeben werden und den geradesten Weg gehen. Die erste Station, nacher Themisch über die Brücken; die zweyte über die andere Brücken bey Schebel so ein Dorff am Morast ist; die 3 te bey Tente über die Brücken Bieschowa; die 4 te auf den sogenandten Morast Margida; die fünfte auf Allibonar bey einer gewesenen Palancka; die 6 te auf Banzova; die 7 te auf Bortscha allwo die Uberfuhr ist. Und gleichwie zu Fortsetzung des Marches dahin genugsame sichere Convoy zu geben gebetten wird als wird auch von Seite des Bassa zu Belgrad als denn ein Revers gegeben werden daß die Belagerte sicher nach Bortscha convoyrt werden.

- Ist verwilliget es müssen aber so lang biß die Convoy wieder zuruckkommen Geißeln gelassen werden.

III. Zur Fortbringung unserer Weiber Kinder samt denen Effecten Haab und Gütern damit niemand zurücke bleiben noch zu Fusse gehen möge sollen 7 000 bespannte Wägen gegeben werden und im Fall ein Wagen zerbreche oder das Vieh zu Grunde gieng so sollen andere an deren statt herbey geschaffet und nicht gestattet werden dass was ausgeplündert werde. Ingleichen wenn ein oder anderer um sein Geld einen Wagen kauffen könnte dass man solches nicht verhindere.

 - Es ist bekandt dass eine solche Quantität von Wägen nicht zu haben man wird ihnen aber tausend Wägen geben und zugleich gestatten daß sie einige zurücklassen und durch selbe ihre Effecten nach und nach fortbringen und abfahren lassen können; wie ingleichen unverwehret seyn solle wenn sie einige Wägen haben können selbige zu erkauffen und hat es der verlangten Sicherheit halber auch keinen Anstand: jedoch solle auch ihrer Seits die Sicherheit von Unterbleibung der Hostilität und Feindseeligkeiten gegeben werden.

IV. In währenden March soll was zu Unterhaltung der ausziehenden Belagerten an Victualien und Subsistentz nöthig durch die Bauern zuführen zu lassen nicht allein die hülffliche Hand gegeben werden solche um paare Bezahlung und billichen Preiss zu überkommen damit keine Noth biß Bortscha gelitten werde sondern auch die Vorausstaltung darzu gemacht werden.

 - Ist verwilliget.

V. Die Convoy soll währenden March von Temeswar biß Belgrad sich nicht unter der Belagerten Zug meliren sondern selbigen mit guter Ordre decken damit von andern Nation kein Überlast geschehe.

 - Ist verwilliget.

VI. Nach geschlossener Capitulation und Unterzeichnung der Puncter sollen so wohl Munition, Artillerie, Proviant und andere Kriegs-Geräthschafft denen so darzu deputiret seyn werden zu übernehmen getreulich extradiret werden; jedoch ist nicht mit verstanden was denen Particular Familien gehörig so ohne Hinderniß was sie abführen wollen und können verstattet werden solle auch nach Willkühr darüber zu disponieren. Wegen Abtrettung der Aussenwerker aber und eines Thores soll derjenige so mit der Capitulation hinaus geschickt wird genugsame Vollmacht zu tractirren haben aus was Weise und wenn es geschehen solle.

 - Weilen in allen Vestungen die Munition dem Herrn zugehörig auch sonst nicht wissend ist was deren Particularen für eine Munition sey als kan hierinnenfalls nichts abzuführen gestattet werden; außer daß ein Mann etwan ein paar Schuß mit sich nehmen möge. Was aber der Particularen eigenes Proviant anlanget kan selbiges mitgenommen werden. Wegen Einraumung des Thors und Außenwercker hat der Herr Gen. Feld-Zeugmeister Printz Alexander von Würtenberg die Commission und Vollmacht das behörige zu tractiren; dessen Handlungen in allen gut geheißen und ratificirt seyn wollen.

VII. Diejenigen Sclaven und andere Christen so den Mohametanischen Glauben vor vieler Zeit freywillig angenommen und gerne mit abziehen wollen sollen nicht aufgehalten seyn jedoch seyn diejenigen nicht mit begriffen so währender Belagerung übergegangen sondern können wenn man sie findet begriffen werden.

- Die Deserteurs sollen zurück gegeben werden denen übrigen aber so von der Rätzisch-Jüdisch- und übrigen angeführten Nationen darinnen verbleiben wollen soll darinnen zu verbleiben jenen auch so wie sie hinweg wollen mit ihrer Haab und Gut gestattet seyn.

VIII. Denen Couruzen so sich allda befinden; soll auch mit nach Belgrad zu ziehen verstattet werden.

 - Die Canaille kan hingehen wo sie will.

IX. Alle Effecten sollen frey zu verkauffen verstattet werden.

 - Ist verwilliget.

X. Soll keines Weges unter einem Praetext einer vor vorigen Zeiten herfürsuchenden Ursache der Abmarch verhindert und die Capitulation vioret werden.

 - Hat sein Verbleiben und ist verwilliget.

Schließlich nach geschlossener Capitulation und deren Unterzeichnung sollen 10 Tage biß zu den Abzug verstattet werden; oder so bald man die benöhtigte Wägen herbey geschaft und beladen hat. Actum Temeswar den 13. October . 1716.

 - Sollen gleich so bald die 1 000 Wägen beysammen ausziehen und soll solches auf das eheste und längstens übermorgen geschehen; das Thor und äussere Wercker aber heute noch abgetretten und eingeräumet werden.

N. B. Alle Gegangene ohne Unterscheid müssen zurücke gegeben werden. Signatum Feld. Läger vor Temesvar den 13. Octob. A. 1716.

L. S. Eugenio von Savoy
L. S. Mehemed Aga Azebani Edwel
L. S. Chadzi Mehemed  (nach Dr. Nicolae Iliesiu)

Temeschburg in der Stunde der Befreiung vom türkischen Joch - 1716
(im Bild ist das Jahr der Kapitulation falsch eingetragen)

Am 16. Oktober begann der Auszug der Türken, die von den früheren 18.000 nur noch 12.000 streitbare Männer zählten, und am nächsten Tag verließ der letzte Türke Temeschburg. Bei der Übergabe der Festung schenkte laut Dr. Iliesiu Prinz Eugen dem Pascha eine Golduhr und erhielt von diesem ein Araberpferd. Zugleich kamen die Kaiserlichen in den Besitz von 120 Kanonen, die mit dem österreichischen Wappen gekennzeichnet waren und die 1552 zur türkischen Kriegsbeute geworden waren. Am 18. Oktober 1716 zog Prinz Eugen von Savoyen in die Temeschburger Festung ein, um hier als Sieger seinen 43. Geburtstag zu feiern. Das Tor, durch das Prinz Eugen in die Festung einzog, wurde später „Prinz-Eugen-Tor" genannt.

Bevor Prinz Eugen Temeschburg wieder verließ, ernannte er Graf Franz Paul von Wallis zum Festungskommandanten. Zum Gouverneur, „der nämlich imstande wäre, diese Gegend nicht nur militärisch zu behaupten, sondern das gänzlich brachliegende und verödete Land auch der Kultur und geregelten Zuständen allmählich zuzuführen" (K. Kraushaar) ernannte er den General der Kavallerie Graf Claudius Florimund Mercy.

Schließlich war der türkische Sultan nach mehreren weiteren Niederlagen geneigt, mit dem kriegsmüden Kaiser Karl VI. Frieden zu schließen. Der Friedensvertrag wurde am 21. Juli 1718 in Passarowitz (heute: Pozarovac) unterzeichnet. Laut dieses Vertrags kam Temeschburg und das Banat in den Besitz der österreichischen Krone; das Banat wurde ein Kronland des Kaiserreichs.

Fortsetzung                                                                                                                 Anton Zollner