Temeschburg unter dem kaiserlichen Zepter (15)

- Die Karlsfestung -

Bald nach der Befreiung Temeschburgs von den Türken (1716) begann man mit der Festigung der vorhandenen Wehranlagen. Die Arbeiten wurden unter der Aufsicht des Grafen Mercy durchgeführt. Zugleich wurde auch mit der Errichtung der letzten und der modernen Kriegstechnik angepassten Temeschburger Festung begonnen. Sie bekam den Namen des damaligen österreichischen Kaisers Karl VI. und wurde deswegen als Karlsfestung bekannt.

Der Grundstein dieser neuen Festung wurde vom Jesuiten-Superior P. Michael Gastayer bei einer großen Feierlichkeit am 25. April 1723 in der nördlichen Bastei gelegt. Der Stein enthält folgenden Text in lateinischer Sprache: „ Imperante Carolo VI. Duce Eugenio Sabaudiae Principe per cladem Petro-Varadini MDCCXVI a Turcis recuperata Provincia, sub praesidio claudii Comitis a Mercy anno a partu Virginis MDCCXXIII die XXV mensis Aprilis Temesvarini moenia fondabantur". Dieser Text bereitete wahrscheinlich auch schon Dr. Iliesiu Übersetzungsschwierigkeiten, da er ihn nicht , wie andere Texte ins Rumänische übersetzte. Aus demselben Grund folgt auch hier nur eine lückenhafte Übersetzung: „Während der Herrschaft Karls VI. unter dem Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen wurde infolge der Niederlage bei Peterwardein 1716 die Provinz aus der Hand der Türken zurückerobert, unter dem Schutz [... Übersetzungslücke - A. Z.) wurden von Mercy im Jahre 1723 seit Niederkunft der Hl. Jungfrau , (= nach der Geburt Christi - Anm. d. Verf.], am 25. Tag des Monats April die Stadtmauern von Temeswar errichtet". Die Bastei, in deren Mauern der Grundstein gelegt wurde, bekam laut Béla Schiff den Namen des Gründers des Jesuitenordens, des Hl. Ignatius, in den späteren Plänen ist sie aber als Karlsbastei gekennzeichnet. Die Bauarbeiten, die laut Dr. Iliesiu 20 Millionen Gulden kosteten, dauerten bis 1765. Während dieser Zeit verwandelte sich Temeschburg von einer mittelalterlichen Festung zu einem der modernsten, im Vauban'schen System errichteten Wehrbauten des 18. Jahrhunderts. Auf dem Gebiet des heutigen Rumänien war er nach Mihai Opris der perfekteste Wehrbau dieser Art.

Dass dieses große Vorhaben in mehreren Etappen durchgeführt wurde, erkennt man, wenn man den Festungsplan aus dem Jahre 1727 (siehe Abb.) mit jenem von 1736 vergleicht. Der erste zeigt noch die Festungsanlage aus der Türkenzeit, wobei auf dem zweiten eine viel größere Festung, die nach Schiff wie ein „unregelmäßiges, bastioniertes Neuneck" aussah. Bemerkenswert ist auch die Feststellung, dass es während der Bauzeit verschiedene Tore gab. So erkennt man auf dem ersten Plan im Osten das Lugoscher Tor (L) (das spätere Siebenbürger oder Fabriker Tor), im Nordosten das Arader Tor (A), im Nordwesten das Prinz-Eugen-Tor (E) (das gewesene Fosforozi-Tor) und im Süden das Belgrader (B) (das spätere Peterwardeiner oder Josefstädter Tor).

Der Festungsplan von 1727

Auf dem Plan von 1736 ist das Arader Tor nicht mehr vorhanden, und die Stelle, wo das Prinz-Eugen-Tor gekennzeichnet war, befindet sich zusammen mit einem Teil der Großen Palanka tief im Inneren der Festung. Das Prinz-Eugen-Tor ist hier vom Wiener oder Mehala-er Tor (östlich von der Elisabeth-Bastei) ersetzt worden. Zugleich ist auf diesem Plan das Belgrader Tor noch auf der Ostseite des Kastells (22) gekennzeichnet, während es später auf die Westseite versetzt wurde und dann den Namen Peterwardeiner oder Josefstädter Tor trug. Das Lugoscher (Siebenbürger) Tor (15) hat seinen Standort einigermaßen auch bei der neuen Festung erhalten. Laut Dr. Iliesiu waren die Tore sehr eng, so dass nur ein Wagen durchfahren konnte. Aus diesem Grund musste 1877 bei allen Toren ein zweiter Durchgang in die Mauer geschlagen werden, um den Verkehr in beide Richtungen zu ermöglichen. Zu den Toren gelangte man über Zugbrücken, die abends mit schweren Ketten aufgezogen wurden. Laut Schiff soll man diese zur Einzäunung des Grabmals, das zu Ehren der im Jahre 1849 gefallenen Kaiserlichen im Militärfriedhof errichtet wurde, benützt haben.

Die neuen Festungsmauern wurden in Form von dreifachen Mauerwällen erbaut. Zwischen diesen befanden sich Wassergräben, die bei Bedarf mit Wasser aus der Bega gefüllt werden konnten. Der innere Mauerwall war 10 bis 12 Meter hoch, die anderen waren nach außen hin immer niedriger. Entlang der Mauer waren neun Basteien errichtet worden, die der Festung eine sternförmige Gestalt gaben. Zwischen dem Peterwardeiner und dem Wiener Tor befanden sich die Florimund- (nach Opris) oder Mercy- (nach Schiff) (21), die Prinz-Eugen- (20) und die Elisabeth-Bastei (19). An der Prinz-Eugen-Bastei wurde 1734 nach ihrer Fertigstellung eine Tafel angebracht, auf der in lateinischer Sprache folgender Text stand: „Dem großen Kriegsführer, Durchlaucht Prinz Eugen von Savoyen, wird ein gelobtes Unterpfand (= Grundstein - Anm. d. Verf.) der Ehrerbietung geweiht, und ein eckiger Schutzstein (= Bastei - Anm. d. Verf.) wird zu Ehren dieses Helden gewidmet, der dem unbesiegten Kaiser die zugrundegerichtete Provinz wiedergegeben hat, indem er sie nach Niederwerfung der Barbaren in einer Schlacht befreite". Nach dem Wiener Tor folgte die Karlsbastei (18), der den schon anfangs erwähnten Grundstein enthält. An ihren Mauern wurde nach der Beendigung der Bauarbeiten eine Tafel mit folgendem lateinischen Text angebracht: „Der erhabene Kaiser VI. hat der Nachwelt, als das Banat vom Joch der Türkei nach 164 Jahren befreit und dem christlichen Glauben und der Herrschaft Österreichs auf ruhmvolle Weise zurückgeführt worden war dieses Schutzwerk, das er errichten ließ, hinterlassen; es legt Zeugnis ab von Standhaftigkeit und Tapferkeit". Danach folgten bis zum Siebenbürger Tor die Arader- (nach Opris) oder die Franzens- (nach Schiff) -Bastei (17), die Theresien- (16), die Josephsbastei (15), und schließlich die Pulverturm- (nach Opris) oder die Hamilton- (nach Schiff) (23) und die Schlossbastei (22). Bis heute sind von der Temeschburger Festung nur drei Teile erhalten geblieben. Vollständig steht nur das Verpflegungsmagazin, in dem heute die ethnographische Abteilung des Banater Museums untergebracht ist. Die anderen zwei sind Bruchstücke der Prinz-Eugen- und der Theresienbastei (am Timisoara 700-Markt bzw. in der Nähe des Postpalais). Beide wurden in den '60-er Jahre instandgesetzt; teilweise hatte man darin Gaststätte eingerichtet.

Der Festungsplan von 1736 (nach Mihai Opris)

Außerhalb der letzten Mauer folgte laut Dr. Iliesiu und Schiff die „Glacis", was soviel wie Wehrabhang bedeutet. Es war der freie Platz um die Festung, und bildete den Festungsgrund. Danach folgte ein breites, flachabfallendes und deckungsloses Gelände, das als Schussfeld benützt war und das man „Esplanada" nannte. Dr. Iliesiu schreibt, dass die Breite dieses Areals anfangs 950 Meter betrug, später reduzierte man sie auf 570 Meter. Schiff hingegen schreibt, dass ursprünglich die „Esplanada" 300 Klafter breit war und später hatte man sie auf 500 Klafter erweitert.

Dieser moderne Wehrbau, der gegen die stärksten Feinde gerüstet sein sollte, wurde niemals in seiner Geschichte auf die Probe gestellt. Die Festung ist zwar einmal während der Revolution von 1848-49 belagert worden, aber nach 107 Tagen wurden die Belagerer bei Sankt-Andres vom kaiserlichen Heer geschlagen. Da der Wehrbau in den folgenden Jahren durch die weitere Entwicklung der Kriegstechnik bedeutungslos wurde, hat man laut Th. N. Trâpcea 1871 mit der Abtragung der Festungsmauern begonnen. Dieser frühe Zeitpunkt der Schleifung der Festungsmauern Temeschburgs wird aber von anderen Autoren, wie Dr. N. Iliesiu oder den Architekten M. Opris nicht bestätigt. Dr. Iliesiu schreibt in seiner Temeschburg-Monographie, dass die Militärbehörden erst 1891 eine Genehmigung für die Abtragung der Festungstore erteilten. Er behauptet auch, dass man mit der Schleifung der Festungsmauern erst 1898 begonnen hat. Dieser Behauptung stimmt auch Opris zu, indem er 1987 schreibt, dass die Mauern zwischen 1899 und 1902 abgerissen wurden. Franz Liebhard schreibt zwar, dass die Festungsmauern zum ersten Mal 1868 durchbrochen wurden, um die Gleise der neugeschaffenen Pferdebahn zu legen, aber zugleich sollte es noch drei Jahrzehnte dauern, „bis die k. u. k. Armee sich endlich herbeiließ, die mächtigen Festungswerke zum Abbruch freizugeben". Der durch die Abtragung freigewordene Baugrund wurde 1905 vom zuständigen Ministerium der Stadt Temeschburg verkauft. Dieses große Grundstück, zu dem nun auch die aufgefüllten Wassergräben gehörten, hatte eine Gesamtfläche von 239,50 Joch. Mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts endet eine tausendjährige Geschichte der Temeschburger Festung. Zugleich beginnt für die Banat-Metropole ein bedeutendes Kapitel ihrer Baugeschichte. Es ist die Zeit, in der die repräsentativsten Bauten Temeschburgs entstanden, die auch heute noch das europäische Stadtbild prägen.

- E n d e -

München - 1994                                                                                                                 Anton Zollner