Die Mehala-er Pfarrkirche

In den Nachschlagewerken betrachtet man 1723 als das Gründungsjahr des heutigen Temeschburger V. Stadtbezirks Mehala. Schon dieser Name, der aus dem türkischen „Mahale“ (= Randbezirk) kommt, deutet darauf, dass die Mehala bereits in der Türkenzeit bekannt war. Dort befand sich auf der späteren Szegediner Landstraße die Sommerresidenz des Paschas von Temeschburg, weshalb diese Stelle „Paschabrunnen“ genannt wurde. In der Umgebung der Residenz befanden sich auch Stallungen und verschiedene Lager. Die ersten Ansiedler der Mehala waren Walachen und Serben, die man gemeinsam als Raizen bezeichnete. Bei der Errichtung der neuen Temeschburger Festung musste die meist aus Hütten bestehende „Große Palanka“ abgerissen werden. Den orthodoxen Raizen war es damals nicht erlaubt, sich in der Festung niederzulassen. Für sie wurde in der Nähe der türkischen „Mahale“ die neue Siedlung „Neu-Warosch“ (auch Nowaja Warosch genannt) angelegt. Die neue Ortschaft war eine selbstständige Gemeinde, die aber unter dem Patronatsrecht Temeschburgs stand und die von dessen raizischen Magistrat (Stadthaus) verwaltet wurde. Laut Mihai Opris ließen sich die ersten Deutschen im Jahre 1786 in „Neu-Warosch“ nieder. Ab 1800 stieg die Zahl der Deutschen ständig durch Zuwanderungen aus den benachbarten Gemeinden; es waren hauptsächlich Handwerker und  Ackerböden suchende Bauern.

Laut Dr. Mathias Weifert endete 1848 das Patronatsrecht Temeschburgs über „Neu-Warosch“, die 1850 zu einer selbstständigen Gemeinde mit eigener Verwaltung wurde. Dazu schreibt der Temeschburger Archäologe Florin Medelet, dass die Ortschaft schon 1830 vom ungarischen Parlament aus Pressburg zur Versteigerung freigegeben wurde. 1876 ist „Neu-Warosch“ zur Großgemeinde erhoben worden. Da man für den Ort bis 1900 keinen Käufer gefunden hat, schloss man ihm  auch die Arbeiterkolonien Ronatz, Anheuer und Blaskovics an, mit der Absicht die so vergrößerte Großgemeinde mit nun etwa 9.000 Einwohnern als Stadtbezirk der Hauptstadt des Banats einzuverleiben. Die am 29. März 1909 vom Stadtrat beschlossene Eingemeindung ist am 1. Januar 1910 vollzogen worden. Der neue Stadtbezirk erhielt den Namen Franzstadt. In der Zwischenkriegszeit ist der Bezirk auf den Namen des damaligen rumänischen Kronprinzen „Wojwode Mihai“) ungenannt worden, aber durchgesetzt hat sich bei der Bevölkerung vom Anfang an bis heute der türkische Name „Mehala“.

Da die ersten Ansiedler der Mehala Walachen und Serben waren, gehörten sie der orthodoxen Glaubensgemeinschaft an. 1744 gründeten sie ihre damals noch gemeinsame Parochie. Laut Angaben von Dr. Weifert und der Temeschburger Lehrerin Else von Schuster sollen sie 1786 (nach Florin Medelet 1785) auch ihre gemeinsame Nicolai-Kirche erbaut haben. Diesem widerspricht der Temeschburger Architekt Mihai Opris, indem er als die Zeit des Kirchenbaus die Jahre 1792-96 angibt. 1887, als sich die orthodoxe Parochie in eine rumänische und eine serbische Glaubensgemeinschaft trennte (nach Medelet soll dies 1865 geschehen sein), wurde die Kirche den serbisch-orthodoxen Gläubigen zugesprochen. Die rumänisch-orthodoxen Gläubigen errichteten im selben Jahr 1887 ihre eigene Kirche, die nach nur 25 Jahren wegen Baufälligkeit ersetzt werden musste. So kam es dazu, dass auf dem Hauptplatz, auf dem die serbisch-orthodoxe Kirche stand, zwischen 1925 und 1937 eine neue rumänisch-orthodoxe Kirche  entstanden ist.

Am Ende des 18. Jahrhunderts reichte die Zahl der deutschen Kinder schon für die Gründung einer deutschen Schule. Laut Dr. Weifert soll dies 1780 geschehen sein, aber der Temeschburger Archäologe Medelet gibt dafür das Jahr 1794 an. Die serbische Schule soll nach Dr. Weifert 1793 entstanden sein, nach Medelet schon 1780. Laut dem letzteren Autor soll die walachische bzw. rumänische Schule 1765 gegründet worden sein.

Anfangs bildeten die katholischen Gläubigen eine Filiale der Pfarrei der Temeschburger Festung. 1887 ist auf der Westseite des Hauptplatzes, der heute Avram Iancu-Platz heißt und auf dem die zwei orthodoxen Kirchen standen, die katholische Kirche der Mehala errichtet worden. 1896 ist die Mehala-er Pfarrei von den Salvatorianern übernommen worden.

Die Mehala-er Pfarrkirche im August 1989

In Nachschlagewerken findet man nur spärliche Daten über die Mehala-er Pfarrkirche. Die meisten Daten veröffentlichte in den letzten Jahren Else von Schuster sowohl in der Presse als auch im Internet. Als Baumeister soll nach der genannten Autorin der Josefstädter Eduard Reiter (* ??? - 10.08.1908 in Temeschburg) tätig gewesen sein. Am 12. September 1887 soll das Gotteshaus der Seligen Jungfrau Maria geweiht worden sein. Der Hauptaltar und die zwei Nebenaltäre sind in der Werkstatt des Südtirolers Ferdinand Stuflesser angefertigt worden. Das Gemälde des Hochaltars stellt die Gottesmutter mit dem Jesuskind dar. Es wurde 1975 wegen starker Beschädigung vom Elisabethstädter Maler Georg Boicean (ein Schüler des Temeschburger Malers Julius Podlipny) total erneuert. Die Bilder der 12 Aposteln im Kirchenschiff sind das Werk des Neu-Arader Géza Ulrich. Die zwei Glasfenster neben dem Hauptaltar, die Mariens Krönung (rechts) und Mariä Verkündigung (links) darstellen, sind 1928 im Münchner Atelier der Firma Mayer angefertigt worden. Zwei weitere Glasfenster kamen 1937 ebenfalls aus München von der Firma Müller hinzu. Die Orgel ist 1902 vom Temeschburger Orgelbauer Leopold Wegenstein angefertigt worden. Die vier Glocken sind 1921 in der Arader Glockengießerei König gegossen worden.

Innenansicht der Mehala-er Pfarrkirche im August 1989

In einer Internet-Veröffentlichung von Georg Grega ist von einem nicht näher präzisierten Umbau der Mehala-er katholischen Kirche die Rede, nach dem sie im September 1923 zur „Marienkirche“ geweiht worden sei. 1983 ist an dem Gotteshaus die äußere und 1987 die innere Renovierung unternommen worden. Während der letzteren ist das Innere der Kirche vom Malermeister Jakob Hahn jun. ausgemalt worden.

Zur Mehala-er Pfarrei gehört heute auch das Kirchlein aus der Eisenbahner-Kolonie Ronatz (amtlich: Ronat). Auch deren Geschichte wurde von der Lehrerin von Schuster geschildert. Das Ronatzer Kirchlein soll laut der genannten Autorin um 1928 erbaut worden sein. Im Sommer des Jahres 1943 ist es während der zwei anglo-amerikanischen Bombenangriffe  durch seine Nähe zum Temeschburger Nordbahnhof stark beschädigt worden. 1946 versuchte man das Kirchlein neu aufzubauen, aber in der damaligen politischen und wirtschaftlichen Lage im Lande, sind die Bauarbeiten aus finanziellen Gründen eingestellt worden. Nachdem die Ronatzer Katholiken von der Josefstädter Pfarrei der aus der Mehala angeschlossen wurden, erwirkte der Salvatorianerpater Johannes Blum die Genehmigung für die Wiedererrichtung des Kirchleins. Dies ist ihm zusammen mit den katholischen Eisenbahnern aus der Ronatzer Kolonie und mit der Hilfe der Caritas auch bald gelungen. Im Dezember 1964 ist das kleine Gotteshaus vom damaligen Ordinarius der Temeschburger Diözese Konrad Kernweiss konsekriert worden. Wie die genannte Autorin berichtet, ist das Kirchlein „in den letzten Jahren“ (wahrscheinlich um 1980-90) von dem in Ronatz aufgewachsenen Künstler Paul Veres ausgemalt worden.

Dezember 1996                                                                                                       Anton Zollner